{"id":22866,"date":"2026-06-30T12:12:11","date_gmt":"2026-06-30T10:12:11","guid":{"rendered":"https:\/\/zurzeit.at\/?p=22866"},"modified":"2026-06-30T12:12:11","modified_gmt":"2026-06-30T10:12:11","slug":"oesterreich-ki-standort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/oesterreich-ki-standort\/","title":{"rendered":"Anthropic nach Europa"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/autoren\/\">R.T.<\/a>\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Bild: <a href=\"https:\/\/pxhere.com\/de\/photographer\/767067\">Mohamed<\/a><a href=\"https:\/\/pxhere.com\/de\/photographer\/767067\"> Hassan <\/a> form <a href=\"https:\/\/pxhere.com\/de\/photo\/1640118\">PxHere<\/a>\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Lizenz: \u2013<\/span><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>\u00d6sterreich will den amerikanischen KI-Konzern Anthropic st\u00e4rker in Europa verankern. Digitalisierungsstaatssekret\u00e4r Alexander Pr\u00f6ll fordert eine \u201estrategische Ansiedlung und Beteiligung\u201c des Unternehmens innerhalb der EU. Der Vorsto\u00df ist grunds\u00e4tzlich richtig. Er ist aber auch ein sp\u00e4tes Eingest\u00e4ndnis: \u00d6sterreich und Europa haben den Aufbau eigener KI-Konzerne verschlafen und sind heute von einem kleinen Kreis amerikanischer Technologieriesen abh\u00e4ngig.<\/p>\n<h2>Ein Brief ersetzt keine Technologiepolitik<\/h2>\n<p>Ausl\u00f6ser der Initiative sind neue Vorgaben aus Washington. Die US-Regierung untersagte Anthropic, ausl\u00e4ndischen Staatsb\u00fcrgern Zugriff auf die besonders leistungsf\u00e4higen Modelle Fable 5 und Mythos 5 zu gew\u00e4hren. Weil das Unternehmen die Staatsangeh\u00f6rigkeit seiner Nutzer technisch nicht zuverl\u00e4ssig \u00fcberpr\u00fcfen konnte, musste es den Zugang zun\u00e4chst umfassend sperren.<\/p>\n<p>Eine politische Entscheidung in Washington gen\u00fcgte damit, um europ\u00e4ische Entwickler und Unternehmen von wichtiger Spitzentechnologie abzuschneiden.<\/p>\n<p>Pr\u00f6ll bietet Anthropic nun Rechtssicherheit, Kapital und Zugang zum europ\u00e4ischen Markt an. Wie die Ansiedlung konkret aussehen soll, bleibt offen. Es gibt weder einen Standort noch eine Investitionssumme oder eine Zusage des Unternehmens.<br \/>\nDer Brief ist daher noch keine Strategie. Und ausgerechnet die \u00d6VP kann nicht so tun, als sei \u00d6sterreichs technologische R\u00fcckst\u00e4ndigkeit pl\u00f6tzlich vom Himmel gefallen.<\/p>\n<p>Abgesehen von der \u00dcbergangsregierung Bierlein war die Volkspartei seit 1987 an jeder \u00f6sterreichischen Bundesregierung beteiligt. Sie hatte Jahrzehnte Zeit, den Wirtschafts-, Kapital- und Technologiestandort mitzugestalten. Heute wirbt ein \u00d6VP-Staatssekret\u00e4r bei einem amerikanischen Milliardenkonzern mit jenen Bedingungen, die heimische Entwickler und Wachstumsunternehmen seit Jahren vermissen: ausreichend Kapital, schnelle Entscheidungen und ein Umfeld, in dem aus einer guten Idee ein internationaler Konzern werden kann.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich ist dabei keineswegs ein technologisches Entwicklungsland. Das Land investiert viel in Forschung, verf\u00fcgt \u00fcber gute Universit\u00e4ten und weist eine steigende KI-Nutzung in Unternehmen auf. Doch genau am entscheidenden \u00dcbergang scheitert es regelm\u00e4\u00dfig: Aus Forschung wird zu selten ein weltweit f\u00fchrendes Unternehmen.<br \/>\nDie OECD beklagt schwache Unternehmensdynamik, hohe Markteintrittsh\u00fcrden und zu wenig privates Wachstums- und Risikokapital. Die EU-Kommission sieht weiterhin L\u00fccken bei Cloud-Technologien, Datenanalyse und digitaler Infrastruktur.\u00a0\u00d6sterreich produziert Ideen. Andere L\u00e4nder skalieren sie.<\/p>\n<h2>Kein Monopol \u2013 sondern ein amerikanisches Oligopol<\/h2>\n<p>Anthropic nach Europa zu holen, w\u00fcrde dieses Grundproblem nicht l\u00f6sen. Das Unternehmen w\u00e4re zwar ein zus\u00e4tzlicher Anbieter, geh\u00f6rt aber selbst zu einem eng verflochtenen amerikanischen KI-\u00d6kosystem.<\/p>\n<p>Von einem einzelnen Monopol zu sprechen w\u00e4re ungenau. OpenAI, Anthropic, Google, Meta und andere Unternehmen konkurrieren miteinander. Hinter diesem Wettbewerb steht jedoch ein Oligopol weniger Konzerne, die gleichzeitig \u00fcber Cloud-Infrastruktur, Rechenzentren, Chips, Modelle, Kapital und den Zugang zu Milliarden Kunden verf\u00fcgen.<br \/>\nKleine Entwickler k\u00f6nnen ihre Modelle kaum ohne die Infrastruktur dieser Unternehmen trainieren oder im gro\u00dfen Ma\u00dfstab anbieten. Wer einmal vollst\u00e4ndig in einer Cloud- und Modellumgebung arbeitet, kann sie wegen technischer Abh\u00e4ngigkeiten und hoher Wechselkosten nur schwer verlassen.<\/p>\n<p>Selbst Anthropic ist daf\u00fcr ein Beispiel. Der Konzern hat sich verpflichtet, in den kommenden zehn Jahren mehr als 100 Milliarden Dollar f\u00fcr Technologien von Amazon Web Services auszugeben. Gleichzeitig sicherte er sich zus\u00e4tzliche Rechenkapazit\u00e4ten von Google und Broadcom im Umfang mehrerer Gigawatt.<\/p>\n<p>Eine Anthropic-Niederlassung in Wien oder Frankfurt w\u00fcrde daher nicht automatisch europ\u00e4ische Souver\u00e4nit\u00e4t schaffen. Europa w\u00fcrde lediglich einen weiteren Teil des amerikanischen KI-Komplexes importieren.<br \/>\nArbeitspl\u00e4tze und Rechenzentren w\u00e4ren willkommen. Die Kontrolle \u00fcber Modelle, Infrastruktur und strategische Entscheidungen bliebe dennoch weitgehend in den Vereinigten Staaten.<\/p>\n<h3>Steinberger wechselte zu OpenAI<\/h3>\n<p>Wie gro\u00df \u00d6sterreichs Problem ist, zeigt Peter Steinberger. Der Ober\u00f6sterreicher entwickelte mit OpenClaw einen der erfolgreichsten offenen KI-Agenten der vergangenen Monate. Das Projekt erreichte innerhalb kurzer Zeit mehr als 100.000 Sterne auf GitHub und zog weltweit Aufmerksamkeit auf sich.<\/p>\n<p>Im Februar wechselte Steinberger zu OpenAI, um dort an pers\u00f6nlichen KI-Agenten zu arbeiten. OpenClaw wurde nicht verkauft. Das Projekt bleibt offen und soll unabh\u00e4ngig in einer Stiftung weitergef\u00fchrt werden.<br \/>\nAuch kann man der Regierung nicht vorwerfen, sie habe ein fertiges Milliardenunternehmen einfach abgelehnt. Steinberger erkl\u00e4rte selbst, dass er nicht erneut eine gro\u00dfe Firma f\u00fchren wolle. Er suchte Zugang zu modernsten Modellen, Spitzenforschung und gewaltiger Rechenleistung.<\/p>\n<p>Gerade das entlastet die \u00f6sterreichische Politik aber nicht. Es beschreibt ihr eigentliches Versagen.<br \/>\nEin Entwickler von Weltformat entsteht in Ober\u00f6sterreich, baut in Wien erfolgreiche Technologieunternehmen auf und schafft sp\u00e4ter ein international beachtetes KI-Projekt. F\u00fcr den n\u00e4chsten gro\u00dfen Schritt findet er die besseren Bedingungen dennoch bei einem amerikanischen Konzern.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich verf\u00fcgt \u00fcber F\u00f6rderprogramme, Agenturen und Strategiepapiere. Was fehlt, ist ein \u00d6kosystem, das seine besten Entwickler im Land h\u00e4lt und ihnen Wachstum im internationalen Ma\u00dfstab erm\u00f6glicht.<br \/>\nPr\u00f6lls Initiative kommt deshalb Jahre zu sp\u00e4t. Die Ansiedlung Anthropics k\u00f6nnte n\u00fctzlich sein. Sie darf aber nicht als digitale Souver\u00e4nit\u00e4t verkauft werden.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich braucht nicht blo\u00df die Filiale eines amerikanischen KI-Konzerns. Es braucht Bedingungen, unter denen der n\u00e4chste Peter Steinberger seine Technologie hier entwickeln, finanzieren und gro\u00df machen kann.<br \/>\nSonst importiert die Regierung ausl\u00e4ndische Konzernb\u00fcros \u2013 und exportiert weiterhin die eigenen K\u00f6pfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:\u00a0R.T.\u00a0Bild: Mohamed Hassan form PxHere\u00a0Lizenz: \u2013 \u00d6sterreich will den amerikanischen KI-Konzern Anthropic st\u00e4rker in Europa&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":22867,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[48,46],"tags":[11989,11986,983,10094,11988,164,97,11987],"class_list":["post-22866","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europa","category-oesterreich","tag-alexander-proell","tag-anthropic","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-openai","tag-openclaw","tag-oesterreich","tag-oevp","tag-peter-steinberger"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Anthropic nach Europa<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"\u00d6sterreich will Anthropic nach Europa holen. 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