{"id":23126,"date":"2026-08-28T11:59:04","date_gmt":"2026-08-28T09:59:04","guid":{"rendered":"https:\/\/zurzeit.at\/?p=23126"},"modified":"2026-08-28T12:05:42","modified_gmt":"2026-08-28T10:05:42","slug":"oesterreich-deutschland-schengen-begraebnis-grenzkontrollen-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/oesterreich-deutschland-schengen-begraebnis-grenzkontrollen-analyse\/","title":{"rendered":"Das Schengen-Begr\u00e4bnis \u2013 Dauerkontrollen als neues Normal"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/autoren\/\">R.T.<\/a>\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Bild: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Grenz%C3%BCbergang_A3_-_Deutschland-%C3%96sterreich-8700.jpg\">Wikipedia<\/a>\/<span id=\"creator\" class=\"fn\"><bdi><a class=\"extiw\" title=\"d:Q108103612\" href=\"https:\/\/www.wikidata.org\/wiki\/Q108103612\"><span title=\"Wikipedianer und OpenStreetMapper aus Deutschland\">Raimond Spekking<\/span><\/a><\/bdi><\/span>\u00a0\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Lizenz: <a class=\"external text\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\">CC<\/a><a class=\"external text\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\"> B<\/a><a class=\"external text\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\">Y-SA<\/a><a class=\"external text\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\"> 4.0<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>Deutschland kontrolliert weiterhin s\u00e4mtliche Landgrenzen \u2013 und hat die Ma\u00dfnahmen bereits nahtlos vom 16. September 2026 bis zum 15. M\u00e4rz 2027 verl\u00e4ngert. \u00d6sterreich kontrolliert derzeit seine Grenzen zu Ungarn, Slowenien, Tschechien und der Slowakei bis zum 15. September. (Migration and Home Affairs)<\/p>\n<p>Schengen ist damit rechtlich keineswegs abgeschafft. Doch sein urspr\u00fcngliches Kernversprechen \u2013 ein Binnenraum ohne systematische Personenkontrollen an den gemeinsamen Grenzen \u2013 wird politisch immer st\u00e4rker ausgeh\u00f6hlt.<\/p>\n<p>Aus einer ausdr\u00fccklich als Ausnahme gedachten Ma\u00dfnahme ist in weiten Teilen Europas ein Instrument geworden, auf das Regierungen immer wieder zur\u00fcckgreifen. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Dauer der Kontrollen, sondern ihre institutionelle Verstetigung.<\/p>\n<h2>Die Ausnahme wird zum System<\/h2>\n<p>Der Schengener Grenzkodex ist eindeutig: Binnengrenzkontrollen d\u00fcrfen bei einer ernsthaften Bedrohung der \u00f6ffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit wieder eingef\u00fchrt werden \u2013 aber nur ausnahmsweise, vor\u00fcbergehend und als letztes Mittel. Umfang und Dauer d\u00fcrfen nicht \u00fcber das hinausgehen, was zur Abwehr der jeweiligen Bedrohung notwendig ist<\/p>\n<p>Die politische Realit\u00e4t entfernt sich jedoch zunehmend von diesem Ausnahmecharakter.<\/p>\n<p>Deutschland kontrolliert inzwischen s\u00e4mtliche Landgrenzen zu Frankreich, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden, D\u00e4nemark, \u00d6sterreich, der Schweiz, Tschechien und Polen. Als Begr\u00fcndung nennt Berlin unter anderem irregul\u00e4re Migration, Schleuserkriminalit\u00e4t, Belastungen des Aufnahmesystems sowie die internationale Sicherheitslage. Die derzeitige Kontrollperiode endet am 15. September \u2013 die n\u00e4chste beginnt am darauffolgenden Tag und l\u00e4uft bereits bis M\u00e4rz 2027.<\/p>\n<p>Auch \u00d6sterreich h\u00e4lt an Kontrollen zu vier seiner Nachbarstaaten fest. Die Ma\u00dfnahmen erfolgen nach Angaben der Beh\u00f6rden zwar nicht fl\u00e4chendeckend, sondern lageabh\u00e4ngig und risikobasiert. Dennoch wird deutlich, wie dauerhaft sich die urspr\u00fcnglich tempor\u00e4re Sicherheitsarchitektur inzwischen eingerichtet ha<\/p>\n<p>Selbst die Europ\u00e4ische Kommission warnt inzwischen vor dieser Entwicklung. In ihrer Stellungnahme zu \u00d6sterreich \u00e4u\u00dfert sie ausdr\u00fccklich Bedenken, dass eine dauerhaftere Infrastruktur f\u00fcr Binnengrenzkontrollen mit deren vor\u00fcbergehendem Charakter in Konflikt geraten k\u00f6nnte<\/p>\n<p>Deutlicher l\u00e4sst sich das Schengen-Dilemma kaum formulieren.<\/p>\n<h2>Wenn Au\u00dfengrenzschutz nicht reicht, kehren die Schlagb\u00e4ume zur\u00fcck<\/h2>\n<p>Die politische Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Entwicklung ist seit Jahren \u00e4hnlich: Irregul\u00e4re Migration, Sekund\u00e4rmigration innerhalb des Schengen-Raums, Schleuserkriminalit\u00e4t und Defizite bei R\u00fcckf\u00fchrungen sollen zus\u00e4tzliche nationale Kontrollen notwendig machen.<\/p>\n<p>Die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden begr\u00fcndeten ihre Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber der Kommission ausdr\u00fccklich mit Problemen des europ\u00e4ischen Asylsystems und des Au\u00dfengrenzmanagements. Deutschland verweist ebenfalls auf Defizite beim Au\u00dfengrenzschutz und Probleme des Dublin-Systems.<\/p>\n<p>Damit entsteht ein grundlegender Widerspruch.<\/p>\n<p>Schengen basiert auf der Idee, Kontrollen zwischen den Mitgliedstaaten abzubauen, weil die gemeinsame Au\u00dfengrenze wirksam gesch\u00fctzt und die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Asylverfahren innerhalb Europas geregelt wird. Wenn immer mehr Staaten dennoch wieder ihre Binnengrenzen kontrollieren, ist das zumindest ein Misstrauensvotum gegen die praktische Funktionsf\u00e4higkeit dieses Systems.<\/p>\n<p>Die Nationalstaaten reagieren darauf nicht mit theoretischen Debatten, sondern mit Polizei, Kontrollstellen und Grenz\u00fcberwachung.<\/p>\n<h2>\u00d6sterreich zwischen Balkanroute und deutscher Grenze<\/h2>\n<p>F\u00fcr \u00d6sterreich ist diese Entwicklung besonders relevant. Das Land liegt an wichtigen Verkehrs- und Migrationsrouten aus S\u00fcdosteuropa und zugleich unmittelbar vor Deutschland.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich kontrolliert deshalb derzeit seine Landgrenzen zu Ungarn, Slowenien und Tschechien sowie die Land- und Flussgrenze zur Slowakei. Der Grenzschutz wurde in den vergangenen Monaten von punktuellen station\u00e4ren Kontrollen st\u00e4rker auf flexible Kontrollen im Grenzraum umgestellt. Zus\u00e4tzlich unterst\u00fctzt das Bundesheer weiterhin die Polizei im Assistenzeinsatz.<\/p>\n<p>Zuletzt waren daf\u00fcr \u00f6ffentlich 328 Soldaten genannt worden, nachdem die Zahl wegen sinkender Aufgriffe von zuvor 508 reduziert worden war.<\/p>\n<p>Damit bindet ein System, das eigentlich ohne dauerhafte Binnengrenzkontrollen funktionieren sollte, weiterhin erhebliche staatliche Ressourcen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen wirtschaftliche Auswirkungen. Grenzkontrollen erzeugen Wartezeiten, erh\u00f6hen den organisatorischen Aufwand f\u00fcr den G\u00fcterverkehr und treffen besonders grenz\u00fcberschreitende Pendler und Unternehmen. Die Europ\u00e4ische Kommission berichtet bei den deutschen Kontrollen ausdr\u00fccklich von Beschwerden von B\u00fcrgern und Betrieben sowie Problemen f\u00fcr mehrere Grenzregionen.<\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr eine exportorientierte Volkswirtschaft im Herzen Europas ist das kein Nebenschauplatz.<\/p>\n<h2>Der Asylpakt muss sich erst beweisen<\/h2>\n<p>Seit dem 12. Juni 2026 gelten die neuen Regeln des europ\u00e4ischen Migrations- und Asylpakts. Sie sehen unter anderem Screeningverfahren, beschleunigte Verfahren an den Au\u00dfengrenzen, neue Zust\u00e4ndigkeitsregeln und einen verpflichtenden Solidarit\u00e4tsmechanismus vor.<\/p>\n<p>Dieser Solidarit\u00e4tsmechanismus ist allerdings keine simple verpflichtende Verteilungsquote. Mitgliedstaaten k\u00f6nnen ihre Beitr\u00e4ge \u00fcber Umsiedlungen, finanzielle Leistungen oder alternative Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen erbringen. F\u00fcr 2026 sieht der Solidarit\u00e4tspool einen Referenzwert von 21.000 Umsiedlungen beziehungsweise anderen Solidarit\u00e4tsleistungen und 420 Millionen Euro an finanziellen Beitr\u00e4gen vor.<\/p>\n<p>Ob der Pakt die strukturellen Probleme tats\u00e4chlich l\u00f6sen kann, l\u00e4sst sich wenige Monate nach seinem Inkrafttreten noch nicht abschlie\u00dfend beurteilen.<\/p>\n<p>Ein politisch bemerkenswerter Befund steht allerdings bereits fest: Deutschland hat seine Binnengrenzkontrollen nach Inkrafttreten des neuen Pakts bereits bis M\u00e4rz 2027 verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Wer erwartet hatte, dass mit dem neuen Regelwerk die Schlagb\u00e4ume im Inneren Europas rasch wieder verschwinden w\u00fcrden, findet daf\u00fcr derzeit wenig Anhaltspunkte.<\/p>\n<p>Hinzu kommt das weiterhin ungel\u00f6ste R\u00fcckf\u00fchrungsproblem. Noch bei Vorlage ihres neuen R\u00fcckf\u00fchrungsvorschlags im Jahr 2025 bezifferte die Europ\u00e4ische Kommission die tats\u00e4chliche R\u00fcckf\u00fchrungsquote innerhalb der EU auf lediglich rund 20 Prozent der Personen mit Ausreiseanordnung.<\/p>\n<p>Neue Verfahrensregeln allein garantieren daher noch keinen funktionierenden Migrationsvollzug.<\/p>\n<h2>Schengen lebt \u2013 aber anders als versprochen<\/h2>\n<p>Von einem formalen \u201eEnde Schengens\u201c kann keine Rede sein. Gerade der Schengener Grenzkodex schafft schlie\u00dflich die Rechtsgrundlage f\u00fcr die derzeitigen Kontrollen.<\/p>\n<p>Politisch l\u00e4sst sich jedoch kaum \u00fcbersehen, wie weit sich die Realit\u00e4t vom Ideal eines kontrollfreien Binnenraums entfernt hat.<\/p>\n<p>Die Kommission pr\u00fcft mittlerweile nicht mehr nur, ob Binnengrenzkontrollen erlaubt sind, sondern besch\u00e4ftigt sich mit deren jahrelanger Verl\u00e4ngerung, ihrer Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, den Folgen f\u00fcr Grenzregionen und sogar der Gefahr, dass tempor\u00e4re Kontrollstellen zu dauerhaften Einrichtungen werden. Bei Deutschland kritisierte sie zuletzt unter anderem fehlende detaillierte Risikobewertungen und die unzureichende Begr\u00fcndung daf\u00fcr, weshalb s\u00e4mtliche Landgrenzen gleicherma\u00dfen kontrolliert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das ist die eigentliche Schengen-Krise: Nicht die formelle Abschaffung des Abkommens, sondern die schleichende Normalisierung seiner Ausnahmebestimmungen.<\/p>\n<h2>Freiz\u00fcgigkeit braucht funktionierende Grenzen<\/h2>\n<p>Ein Raum ohne Kontrollen im Inneren funktioniert auf Dauer nur, wenn Au\u00dfengrenzschutz, Asylzust\u00e4ndigkeiten und R\u00fcckf\u00fchrungen tats\u00e4chlich funktionieren.<\/p>\n<p>Solange Mitgliedstaaten diese Voraussetzung nicht als erf\u00fcllt betrachten, werden sie weiter auf nationale Kontrollma\u00dfnahmen zur\u00fcckgreifen. Deutschland hat genau das bereits f\u00fcr weitere sechs Monate angek\u00fcndigt. \u00d6sterreich h\u00e4lt ebenfalls an seinem eigenen Grenzschutzsystem fest.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00d6sterreich bedeutet das: Der Schutz der eigenen Grenzen und die Kontrolle irregul\u00e4rer Migration k\u00f6nnen nicht allein auf die Erwartung ausgelagert werden, dass europ\u00e4ische Mechanismen irgendwann ausreichend funktionieren.<\/p>\n<p>Zugleich muss jede nationale Ma\u00dfnahme verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bleiben und grenz\u00fcberschreitenden Verkehr m\u00f6glichst wenig beeintr\u00e4chtigen. Gerade darin liegt der politische Widerspruch der Gegenwart: Europa will einen Raum ohne Binnengrenzen \u2013 seine Mitgliedstaaten investieren gleichzeitig immer mehr Energie darin, diese Grenzen wieder kontrollieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schengen ist nicht tot. Aber der kontrollfreie Normalzustand, f\u00fcr den der Name einst stand, ist l\u00e4ngst keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:\u00a0R.T.\u00a0Bild: Wikipedia\/Raimond Spekking\u00a0\u00a0Lizenz: CC BY-SA 4.0 Deutschland kontrolliert weiterhin s\u00e4mtliche Landgrenzen \u2013 und hat die&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23130,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[48],"tags":[9105,1200,6045,399,60,12092,2154,95,164,4746],"class_list":["post-23126","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europa","tag-asylpolitik","tag-balkanroute","tag-binnengrenzen","tag-bundesheer","tag-deutschland","tag-eu-asylpakt","tag-grenzkontrollen","tag-migration","tag-oesterreich","tag-schengen"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - 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