{"id":23128,"date":"2026-08-28T12:05:55","date_gmt":"2026-08-28T10:05:55","guid":{"rendered":"https:\/\/zurzeit.at\/?p=23128"},"modified":"2026-08-28T12:05:55","modified_gmt":"2026-08-28T10:05:55","slug":"deutschland-lieferkettengesetz-mittelstand-buerokratie-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/deutschland-lieferkettengesetz-mittelstand-buerokratie-analyse\/","title":{"rendered":"Deutschland: Das Lieferketten-R\u00fcckzugsgefecht \u2013 B\u00fcrokratiemonster frisst den Mittelstand"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/autoren\/\">R.T.<\/a>\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Bild: ZZ\/KI\u00a0\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Lizenz: &#8211;\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>Berichtspflichten sollen verschwinden, Sanktionen eingeschr\u00e4nkt werden, und die Europ\u00e4ische Union hat den Anwendungsbereich ihrer Lieferkettenrichtlinie drastisch verkleinert. Was jahrelang als unverzichtbarer Fortschritt verkauft wurde, wird pl\u00f6tzlich unter dem Schlagwort \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c zur\u00fcckgebaut.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Deutschlands Industrie zeigt zwar 2026 erste Zeichen einer konjunkturellen Erholung, doch der strukturelle Druck bleibt enorm. Ende des ersten Halbjahres besch\u00e4ftigte das Verarbeitende Gewerbe 144.100 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. In der Automobilindustrie gingen allein 42.300 Stellen verloren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wird ausgerechnet bei jener Regulierung zur\u00fcckgerudert, die Unternehmen seit Jahren mit Risikoanalysen, Dokumentationspflichten und Anforderungen an ihre Lieferketten besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<h2>Der Kaskadeneffekt: Wenn das Gro\u00dfunternehmen beim Mittelstand anklopft<\/h2>\n<p>Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gilt unmittelbar f\u00fcr Unternehmen mit mindestens 1.000 Besch\u00e4ftigten im Inland. Kleine und mittlere Unternehmen fallen damit grunds\u00e4tzlich nicht unmittelbar unter seinen gesetzlichen Anwendungsbereich.<\/p>\n<p>Damit ist ihre Beteiligung an der Lieferkettenb\u00fcrokratie jedoch keineswegs ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Unternehmen m\u00fcssen Risiken bei unmittelbaren Zulieferern analysieren, Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen treffen und unter bestimmten Voraussetzungen auch mittelbare Zulieferer ber\u00fccksichtigen. In der Praxis f\u00fchrt dies dazu, dass Informationen, Selbstausk\u00fcnfte, Verhaltenskodizes, Zertifizierungen und Vertragsklauseln bis weit in vorgelagerte Lieferketten hinein verlangt werden.<\/p>\n<p>Dass dieser Kaskadeneffekt kein Hirngespinst genervter Mittelst\u00e4ndler ist, zeigt ausgerechnet die zust\u00e4ndige Aufsichtsbeh\u00f6rde. Das BAFA sah sich ausdr\u00fccklich zu dem Hinweis veranlasst, Unternehmen d\u00fcrften ihre gesetzlichen Pflichten nicht pauschal auf Zulieferer abw\u00e4lzen. Ebenso wenig seien unterschiedslose, umfangreiche Frageb\u00f6gen an s\u00e4mtliche Lieferanten vom Gesetz verlangt. Stattdessen m\u00fcsse risikobasiert vorgegangen werden.<\/p>\n<p>Genau darin liegt das praktische Problem: Das Gesetz verpflichtet den Mittelst\u00e4ndler h\u00e4ufig nicht direkt \u2013 der gr\u00f6\u00dfere Kunde kann ihn trotzdem mit Compliance-Anforderungen konfrontieren.<\/p>\n<p>Aus staatlicher Regulierung wird so private Lieferkettenb\u00fcrokratie.<\/p>\n<h2>Der Mittelstand tr\u00e4gt mit, obwohl er nicht gemeint ist<\/h2>\n<p>F\u00fcr einen gro\u00dfen Konzern l\u00e4sst sich eine eigene Compliance-Abteilung aufbauen. F\u00fcr einen spezialisierten Maschinenbauer oder Zulieferbetrieb mit einigen Dutzend oder Hundert Mitarbeitern sieht die Rechnung anders aus.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzliche Frageb\u00f6gen m\u00fcssen beantwortet, Lieferanteninformationen beschafft, Vertragsklauseln gepr\u00fcft und Zertifikate vorgelegt werden. Je komplexer die internationale Lieferkette, desto gr\u00f6\u00dfer wird der Aufwand.<\/p>\n<p>Das BAFA r\u00e4umt selbst ein, dass mehrfache Informationsanforderungen und unterschiedliche Frageb\u00f6gen Zulieferer \u00fcberfordern k\u00f6nnen. (bafa.de)<\/p>\n<p>Damit offenbart sich ein klassisches Regulierungsproblem: Die formelle Schwelle entscheidet nicht dar\u00fcber, wo die tats\u00e4chlichen Kosten entstehen.<\/p>\n<p>Gerade kleinere Unternehmen besitzen weder die Rechtsabteilungen noch die Compliance-Apparate internationaler Konzerne. Ein zus\u00e4tzlicher Verwaltungsakt mag f\u00fcr einen Gro\u00dfbetrieb kaum ins Gewicht fallen. F\u00fcr einen mittelst\u00e4ndischen Zulieferer bedeutet derselbe Aufwand Arbeitszeit, externe Beratungskosten und gebundenes Kapital.<\/p>\n<h2>Br\u00fcssel entdeckt pl\u00f6tzlich die B\u00fcrokratie<\/h2>\n<p>Besonders aufschlussreich ist deshalb die Entwicklung auf europ\u00e4ischer Ebene.<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Corporate Sustainability Due Diligence Directive, kurz CSDDD, sollte eine umfassende europ\u00e4ische Lieferkettenregulierung schaffen. Doch im Februar 2026 zog die EU selbst die Notbremse.<\/p>\n<p>Nach der inzwischen beschlossenen \u00dcberarbeitung f\u00e4llt die Richtlinie grunds\u00e4tzlich nur noch auf Unternehmen mit mehr als 5.000 Besch\u00e4ftigten und mehr als 1,5 Milliarden Euro weltweitem Nettoumsatz. Zuvor lagen die Schwellen wesentlich niedriger.<\/p>\n<p>Noch bemerkenswerter ist die offizielle Begr\u00fcndung: Die neue Regelung soll ausdr\u00fccklich den \u201etrickle-down effect\u201c, also das Durchreichen regulatorischer Anforderungen an kleinere Gesch\u00e4ftspartner, reduzieren. Unternehmen sollen sich auf besonders risikobehaftete Bereiche ihrer Lieferketten konzentrieren und nur vern\u00fcnftigerweise verf\u00fcgbare Informationen heranziehen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Br\u00fcssel versucht nun, genau jenen Kaskadeneffekt einzud\u00e4mmen, vor dem Wirtschaftsverb\u00e4nde und Mittelst\u00e4ndler seit Jahren warnen.<\/p>\n<p>Auch das urspr\u00fcnglich vorgesehene einheitliche europ\u00e4ische zivilrechtliche Haftungsregime wurde wieder gestrichen. Die Pflicht zu einem Klimatransitionsplan entfiel ebenfalls.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe europ\u00e4ische Lieferkettenoffensive endet damit vorerst in einer bemerkenswerten Selbstkorrektur.<\/p>\n<h2>Berlin steckt noch im \u00dcbergang<\/h2>\n<p>Deutschland befindet sich unterdessen in einer regulatorischen Zwischenwelt.<\/p>\n<p>Das bestehende LkSG gilt weiterhin bereits ab 1.000 Besch\u00e4ftigten. Gleichzeitig hat die Bundesregierung angek\u00fcndigt, es k\u00fcnftig durch ein neues Gesetz zur Umsetzung der europ\u00e4ischen CSDDD zu ersetzen. Bis dahin soll eine \u00dcbergangsreform Entlastung schaffen.<\/p>\n<p>Der entsprechende Regierungsentwurf sieht vor, die eigene LkSG-Berichtspflicht abzuschaffen und Bu\u00dfgeldtatbest\u00e4nde deutlich einzuschr\u00e4nken. Die eigentlichen Sorgfaltspflichten bleiben jedoch zun\u00e4chst bestehen. Der Bundestag hat den Entwurf im Januar 2026 an die Aussch\u00fcsse \u00fcberwiesen; abgeschlossen ist das Gesetzgebungsverfahren bislang nicht.<\/p>\n<p>Beim Vollzug hat die Bundesregierung allerdings bereits vorgegriffen. Das BAFA wurde angewiesen, die Pr\u00fcfung der Unternehmensberichte einzustellen und Bu\u00dfgelder nur noch bei schweren Verst\u00f6\u00dfen zu verh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das ist mehr als reine Kosmetik \u2013 aber noch keine vollst\u00e4ndige Deregulierung.<\/p>\n<p>Vor allem bleibt eine bemerkenswerte Diskrepanz: W\u00e4hrend die europ\u00e4ische Richtlinie k\u00fcnftig im Regelfall erst Unternehmen mit mehr als 5.000 Besch\u00e4ftigten und 1,5 Milliarden Euro Umsatz erfassen soll, gilt das deutsche Gesetz vorerst weiterhin ab 1.000 Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Der deutsche Sonderweg l\u00e4uft also weiter, w\u00e4hrend Br\u00fcssel seinen eigenen Ansatz bereits zur\u00fcckschneidet.<\/p>\n<h2>Ein Gesch\u00e4ftsfeld namens Compliance<\/h2>\n<p>Wo Regulierung kompliziert wird, entsteht zwangsl\u00e4ufig ein Markt f\u00fcr ihre Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>Risikoanalysen, Lieferantenpr\u00fcfungen, Vertragsgestaltung, Zertifizierungen, Schulungen und Dokumentationssysteme m\u00fcssen entwickelt oder extern eingekauft werden. Unternehmensberatungen, Rechtsanwaltskanzleien, Softwareanbieter, Zertifizierungsstellen und Auditunternehmen bieten hierf\u00fcr l\u00e4ngst spezialisierte Dienstleistungen an.\u00a0Daran ist f\u00fcr sich genommen nichts Verwerfliches.<\/p>\n<p>\u00d6konomisch problematisch wird es jedoch dann, wenn Unternehmen immer mehr Ressourcen daf\u00fcr einsetzen m\u00fcssen, regulatorische Risiken zu verwalten, anstatt diese Mittel in neue Produkte, Maschinen, Forschung oder zus\u00e4tzliche Mitarbeiter investieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Belastung im internationalen Gesch\u00e4ft insgesamt geworden ist, zeigt eine DIHK-Befragung: 83 Prozent der befragten international t\u00e4tigen Unternehmen berichteten von Herausforderungen durch B\u00fcrokratie und regulatorische Vorgaben; ausdr\u00fccklich genannt wurden dabei auch Unsicherheiten im Zusammenhang mit Sorgfaltspflichten wie dem LkSG.<\/p>\n<p>Das Lieferkettengesetz ist nicht allein f\u00fcr Deutschlands Standortprobleme verantwortlich. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach.\u00a0Es ist aber symptomatisch f\u00fcr ein wirtschaftspolitisches Modell, bei dem immer neue Kontroll- und Nachweispflichten auf Unternehmen verlagert werden \u2013 und die Folgekosten erst dann entdeckt werden, wenn die Wettbewerbsf\u00e4higkeit bereits zum politischen Krisenthema geworden ist.<\/p>\n<h2>Europas bemerkenswertes R\u00fcckzugsgefecht<\/h2>\n<p>Die interessanteste Erkenntnis der j\u00fcngsten Reformen ist deshalb nicht, dass pl\u00f6tzlich s\u00e4mtliche Lieferkettenregeln verschwinden.\u00a0Es ist vielmehr die politische Kehrtwende.<\/p>\n<p>Die EU begr\u00fcndet ihre Reform inzwischen ausdr\u00fccklich mit Wettbewerbsf\u00e4higkeit, B\u00fcrokratieabbau und der Verringerung unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Belastungen kleinerer Unternehmen. Der Rat spricht selbst davon, unn\u00f6tige regulatorische Lasten reduzieren zu wollen.\u00a0Damit hat sich die Debatte grundlegend verschoben.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Jahren galt eine immer tiefere regulatorische Durchdringung globaler Lieferketten als politischer Fortschritt. Heute werden Schwellenwerte erh\u00f6ht, Pflichten gestrichen und Haftungsregeln zur\u00fcckgenommen.\u00a0Nicht die Kritiker haben ihre Argumentation ge\u00e4ndert.\u00a0Die Gesetzgeber \u00e4ndern die Gesetze.<\/p>\n<h2>Halbherzige Deregulierung reicht nicht<\/h2>\n<p>Deutschland braucht keine weitere \u00dcbergangsphase, in der Unternehmen gleichzeitig einem nationalen Lieferkettengesetz unterliegen und auf dessen sp\u00e4tere Abl\u00f6sung durch ein bereits wieder entsch\u00e4rftes europ\u00e4isches Regelwerk warten.<\/p>\n<p>Wenn die EU selbst zu dem Ergebnis kommt, dass Sorgfaltspflichten st\u00e4rker auf die allergr\u00f6\u00dften Unternehmen konzentriert und Kaskadeneffekte auf kleinere Zulieferer begrenzt werden m\u00fcssen, gibt es wenig Grund, in Deutschland l\u00e4nger an einem strengeren \u00dcbergangsregime festzuhalten.<\/p>\n<p>Der Gesetzgeber sollte deshalb nicht nur Berichtspflichten streichen und den Bu\u00dfgeldvollzug zur\u00fcckfahren. Er sollte den deutschen Sonderweg m\u00f6glichst rasch beenden und verhindern, dass Gro\u00dfunternehmen regulatorische Anforderungen pauschal auf kleinere Lieferanten abw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Menschenrechtliche Verantwortung und wirtschaftliche Freiheit sind kein Widerspruch. Aber Verantwortung muss dort ansetzen, wo Unternehmen tats\u00e4chlich Einfluss besitzen \u2013 und sie muss verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bleiben.<\/p>\n<p>Der Mittelstand braucht keine weiteren Compliance-Kaskaden.<\/p>\n<p>Er braucht Zeit, Kapital und Personal f\u00fcr das, wovon Europas Wohlstand am Ende tats\u00e4chlich abh\u00e4ngt: Produktion, Innovation und wettbewerbsf\u00e4hige Unternehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:\u00a0R.T.\u00a0Bild: ZZ\/KI\u00a0\u00a0Lizenz: &#8211;\u00a0 Berichtspflichten sollen verschwinden, Sanktionen eingeschr\u00e4nkt werden, und die Europ\u00e4ische Union hat den&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23131,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,48],"tags":[1843,12096,12095,60,4698,3172,12093,12094,7117,10368],"class_list":["post-23128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutschland","category-europa","tag-buerokratie","tag-compliance","tag-csddd","tag-deutschland","tag-industrie","tag-lieferketten","tag-lieferkettengesetz","tag-lksg","tag-mittelstand","tag-wettbewerbsfaehigkeit"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Deutschland: Das Lieferketten-R\u00fcckzugsgefecht<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Berlin und Br\u00fcssel bauen ihre Lieferkettenregeln zur\u00fcck. 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