{"id":23134,"date":"2026-08-30T20:38:55","date_gmt":"2026-08-30T18:38:55","guid":{"rendered":"https:\/\/zurzeit.at\/?p=23134"},"modified":"2026-08-30T20:52:25","modified_gmt":"2026-08-30T18:52:25","slug":"oesterreich-eu-emissionshandel-ets-zuteilungsschock-deindustrialisierung-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/oesterreich-eu-emissionshandel-ets-zuteilungsschock-deindustrialisierung-analyse\/","title":{"rendered":"Der Zuteilungsschock beim Emissionshandel \u2013 Deindustrialisierung per Verordnung"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/zurzeit.at\/index.php\/autoren\/\">R.T.<\/a>\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Bild: ZZ\/KI\u00a0\u00a0<\/span><\/span><span class=\"licensetpl_attr\"><span class=\"plainlinks noprint\">Lizenz: \u2013\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ende Juni hat die Europ\u00e4ische Kommission die neuen Benchmarks f\u00fcr die kostenlose Zuteilung von CO\u2082-Zertifikaten f\u00fcr die Jahre 2026 bis 2030 festgelegt. F\u00fcr Stahl, Zement, Chemie und andere Grundstoffindustrien entscheidet damit k\u00fcnftig ein noch strengerer Ma\u00dfstab dar\u00fcber, welcher Anteil ihrer Emissionen kostenlos abgedeckt wird \u2013 und welchen Anteil sie am Markt zukaufen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00d6sterreich ist das keine abstrakte Br\u00fcsseler Klimadebatte. Betroffen sind zentrale Teile der industriellen Wertsch\u00f6pfung: Stahlproduktion, Zementwerke, Raffinerien, Chemie und zahlreiche weitere energieintensive Betriebe.<\/p>\n<p>Das Bemerkenswerte dabei: Kaum waren die versch\u00e4rften Regeln beschlossen, begann die Kommission bereits wieder zur\u00fcckzurudern. Mitte Juli legte sie selbst Vorschl\u00e4ge vor, um die Belastung der Industrie abzufedern und den geplanten Abbau der Gratiszertifikate zu verlangsamen.<\/p>\n<p>Br\u00fcssel korrigiert damit ein Problem, das es selbst geschaffen hat.<\/p>\n<h2>Neue Benchmarks: Weniger Schutz f\u00fcr bestehende Produktion<\/h2>\n<p>Die kostenlose Zuteilung im europ\u00e4ischen Emissionshandel ist kein Geschenk an die Industrie. Sie wurde geschaffen, um Unternehmen, die internationalem Wettbewerb ausgesetzt sind, zumindest teilweise vor sogenanntem Carbon Leakage zu sch\u00fctzen \u2013 also vor der Verlagerung von Produktion und Emissionen in L\u00e4nder ohne vergleichbare CO\u2082-Kosten.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2026 bis 2030 gelten nun neue Benchmarks.<\/p>\n<p>Beim f\u00fcr die klassische Stahlproduktion entscheidenden Roheisen-Benchmark sinkt die kostenlose Zuteilungsgrundlage von 1,288 auf 1,248 Zertifikate je Tonne. Beim grauen Zementklinker f\u00e4llt sie von 0,693 auf 0,656.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist die Konstruktion dieser Werte: Die Benchmarks orientieren sich grunds\u00e4tzlich an den emissions\u00e4rmsten Anlagen Europas und werden zus\u00e4tzlich \u00fcber festgelegte Reduktionsraten abgesenkt. Bei Roheisen und Zementklinker liegen die nun festgelegten Werte sogar unter dem gemessenen Durchschnitt jener zehn Prozent der europ\u00e4ischen Anlagen, die 2021 und 2022 bereits zu den effizientesten geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass eine Produktion oberhalb des Benchmarks verboten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es bedeutet aber sehr wohl: F\u00fcr jede dar\u00fcber hinausgehende Tonne CO\u2082 muss der Betreiber zus\u00e4tzliche Zertifikate beschaffen.<\/p>\n<p>Je weiter der regulatorische Benchmark der technischen Realit\u00e4t davonl\u00e4uft, desto gr\u00f6\u00dfer wird diese Kostenl\u00fccke.<\/p>\n<h2>Der eigentliche Einschnitt beginnt mit CBAM<\/h2>\n<p>Hinzu kommt f\u00fcr mehrere besonders energieintensive Branchen der neue CO\u2082-Grenzausgleich CBAM.<\/p>\n<p>Seit 2026 wird dieser Mechanismus schrittweise eingef\u00fchrt. Importe von unter anderem Stahl, Eisen, Aluminium, Zement, D\u00fcngemitteln und Wasserstoff sollen dadurch mit einem CO\u2082-Preis belastet werden, der sich an den europ\u00e4ischen Kosten orientiert.<\/p>\n<p>Parallel dazu werden jedoch die bisherigen Gratiszertifikate europ\u00e4ischer Produzenten zur\u00fcckgefahren.<\/p>\n<p>2026 f\u00e4llt dieser zus\u00e4tzliche Abschlag mit 2,5 Prozent zun\u00e4chst noch vergleichsweise gering aus. Danach steigt er nach geltendem Recht immer schneller: 2027 betr\u00e4gt die K\u00fcrzung f\u00fcnf Prozent, 2028 zehn Prozent, 2029 bereits 22,5 Prozent. Bis 2034 sollte die kostenlose Zuteilung f\u00fcr CBAM-Produkte urspr\u00fcnglich vollst\u00e4ndig verschwinden.<\/p>\n<p>Damit entsteht eine gewaltige industriepolitische Wette.<\/p>\n<p>Br\u00fcssel setzt darauf, dass CBAM rechtzeitig einen ausreichend wirksamen Schutz gegen billigere CO\u2082-intensive Importe bietet, bevor der bisherige Schutz der europ\u00e4ischen Industrie abgeschafft wird.<\/p>\n<p>Ob diese Rechnung aufgeht, ist keineswegs bewiesen.<\/p>\n<h2>Br\u00fcssel rudert bereits zur\u00fcck<\/h2>\n<p>Wie gro\u00df die Zweifel inzwischen selbst innerhalb der europ\u00e4ischen Institutionen sind, zeigte sich nur wenige Wochen nach Festlegung der neuen Benchmarks.<\/p>\n<p>Am 17. Juli schlug die Kommission selbst eine weitere Reform des Emissionshandels vor. Der Abbau der Gratiszuteilung in den CBAM-Branchen soll verlangsamt werden. Nach dem Vorschlag w\u00fcrden 2034 nicht s\u00e4mtliche Gratiszertifikate verschwinden; eine Restzuteilung von 15 Prozent soll bis einschlie\u00dflich 2037 erhalten bleiben. Erst 2038 w\u00e4re Schluss.<\/p>\n<p>Auch bei anderen Teilen der kostenlosen Zuteilung soll nachgebessert werden.<\/p>\n<p>Das ist ein bemerkenswertes Eingest\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend die neuen Regeln f\u00fcr 2026 bis 2030 in Kraft treten, sieht sich die Kommission gezwungen, zus\u00e4tzlichen Schutz vor Carbon Leakage, mehr finanzielle Unterst\u00fctzung und einen langsameren Reduktionspfad vorzuschlagen.<\/p>\n<p>W\u00e4re das bestehende System industriepolitisch problemlos, w\u00e4re diese Korrektur kaum notwendig.<\/p>\n<h2>CBAM sch\u00fctzt Importe \u2013 aber nicht den Export<\/h2>\n<p>Der grundlegendste Konstruktionsfehler bleibt ohnehin bestehen.<\/p>\n<p>CBAM soll Wettbewerbsgleichheit auf dem europ\u00e4ischen Binnenmarkt herstellen. Wer CO\u2082-intensive Waren aus einem Drittstaat in die EU verkauft, soll k\u00fcnftig einen entsprechenden CO\u2082-Preis ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Problem beginnt jedoch an der anderen Seite der Werkstore.<\/p>\n<p>Ein \u00f6sterreichischer Stahl-, Aluminium- oder Zementproduzent, der seine Produkte aus Europa heraus exportiert, tr\u00e4gt weiterhin die europ\u00e4ischen CO\u2082-Kosten. Auf einem Drittmarkt trifft er dann m\u00f6glicherweise auf einen Produzenten, der keiner vergleichbaren Belastung unterliegt.\u00a0CBAM hilft ihm dort nicht.<\/p>\n<p>Ausgerechnet die \u00f6sterreichische Bundesregierung hat diesen Punkt inzwischen \u00f6ffentlich zum zentralen Kritikpunkt erkl\u00e4rt. Auch nach dem j\u00fcngsten Reformvorschlag der Kommission fehlt eine umfassende L\u00f6sung f\u00fcr den europ\u00e4ischen Export.<\/p>\n<p>Damit bleibt ein fundamentales Wettbewerbsproblem bestehen: Der europ\u00e4ische Binnenmarkt kann gegen CO\u2082-intensivere Importe abgeschirmt werden \u2013 die Exportf\u00e4higkeit europ\u00e4ischer Produzenten wird dadurch aber nicht automatisch gesichert.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine kleine, exportorientierte Industrienation wie \u00d6sterreich ist dieser Unterschied entscheidend.<\/p>\n<h2>Transformation ohne ausreichende Infrastruktur<\/h2>\n<p>Br\u00fcssel argumentiert, der steigende CO\u2082-Preis solle Unternehmen dazu bewegen, schneller auf klimaneutrale Verfahren umzusteigen.<\/p>\n<p>Auf dem Papier klingt die Logik einfach.<\/p>\n<p>In der industriellen Realit\u00e4t st\u00f6\u00dft sie jedoch an physische und wirtschaftliche Grenzen.<\/p>\n<p>Die Stahlproduktion l\u00e4sst sich beispielsweise \u00fcber Direktreduktion, Wasserstoff und Elektrolichtbogen\u00f6fen erheblich dekarbonisieren. Doch erneuerbarer Wasserstoff ist weiterhin teuer und nur begrenzt verf\u00fcgbar. Die notwendigen Wasserstoffnetze befinden sich vielerorts erst im Aufbau.<\/p>\n<p>Auch eine massive Elektrifizierung der Industrie setzt gro\u00dfe Mengen verl\u00e4sslich verf\u00fcgbaren und international wettbewerbsf\u00e4higen Stroms sowie entsprechend ausgebaute Netze voraus.<\/p>\n<p>Selbst die Europ\u00e4ische Kommission r\u00e4umt inzwischen ein, dass Strom in Europa h\u00e4ufig deutlich teurer als Gas ist, Netzanschl\u00fcsse Jahre dauern k\u00f6nnen und zahlreiche Dekarbonisierungstechnologien noch nicht in ausreichendem Umfang kommerziell skalierbar sind.<\/p>\n<p>Genau hier liegt der industriepolitische Widerspruch.<\/p>\n<p>Der regulatorische Kostendruck steigt bereits heute. Die Infrastruktur, die Unternehmen ben\u00f6tigen, um diesem Kostendruck technisch auszuweichen, entsteht aber erst schrittweise.<\/p>\n<h2>Wenn Transformation zur Standortfrage wird<\/h2>\n<p>Der Emissionshandel soll Investitionen in neue Technologien ausl\u00f6sen. Er kann jedoch das Gegenteil bewirken, wenn CO\u2082-Kosten schneller steigen als wirtschaftlich tragf\u00e4hige Alternativen verf\u00fcgbar werden.<\/p>\n<p>Dann steht ein Unternehmen nicht mehr nur vor der Entscheidung zwischen alter und neuer Technologie.<\/p>\n<p>Es steht vor der Entscheidung zwischen Produktion in Europa, Produktionsk\u00fcrzung oder Investition an einem Standort au\u00dferhalb des europ\u00e4ischen CO\u2082-Regimes.<\/p>\n<p>Genau dieses Risiko bezeichnet die EU selbst als Carbon Leakage.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re daher widersinnig, den Schutz davor schneller abzubauen, als CBAM, Energieversorgung, Netzinfrastruktur und neue Produktionsverfahren nachweislich funktionieren.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Korrekturvorschl\u00e4ge der Kommission zeigen, dass dieses Problem mittlerweile auch in Br\u00fcssel angekommen ist.<\/p>\n<h2>\u00d6sterreich darf nicht nur zusehen<\/h2>\n<p>\u00d6sterreich besitzt mit seiner Stahl-, Metall-, Zement-, Papier-, Chemie- und Grundstoffindustrie einen industriellen Kern, dessen Bedeutung weit \u00fcber die unmittelbar Besch\u00e4ftigten hinausgeht.<\/p>\n<p>An diesen Betrieben h\u00e4ngen Zulieferer, Maschinenbauer, Logistikunternehmen, Forschungseinrichtungen und ganze regionale Wertsch\u00f6pfungsketten.<\/p>\n<p>Gerade deshalb reicht es nicht, die Auswirkungen des europ\u00e4ischen Emissionshandels lediglich zu verwalten.<\/p>\n<p>Wien muss darauf dr\u00e4ngen, dass kostenlose Zuteilungen erst dann vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgefahren werden, wenn ein wirksamer Schutz gegen Carbon Leakage tats\u00e4chlich gew\u00e4hrleistet ist. Dazu geh\u00f6rt insbesondere eine belastbare L\u00f6sung f\u00fcr Exporte.<\/p>\n<p>Ebenso m\u00fcssen Benchmarks technisch erreichbar bleiben und reale industrielle Transformationspfade ber\u00fccksichtigen, statt Betriebe durch politische Wunschwerte zu immer gr\u00f6\u00dferen Zertifikatsk\u00e4ufen zu zwingen.<\/p>\n<h2>Erst die Alternative, dann die Daumenschraube<\/h2>\n<p>Niemand bestreitet, dass industrielle Prozesse effizienter werden k\u00f6nnen und neue Technologien Chancen er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Doch eine wettbewerbsf\u00e4hige Transformation entsteht nicht dadurch, bestehende Produktion schneller zu verteuern, als neue Energie-, Wasserstoff- und Produktionssysteme aufgebaut werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass die Europ\u00e4ische Kommission ihre eigenen ETS-Pl\u00e4ne inzwischen wieder korrigiert, ist deshalb kein Detail. Es ist das Eingest\u00e4ndnis, dass Klimapolitik ohne Industriepolitik an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00d6sterreich muss daraus eine klare Konsequenz folgen: Kein automatischer Abbau des Carbon-Leakage-Schutzes ohne nachweislich funktionierenden CBAM, keine weitere Versch\u00e4rfung unrealistischer Benchmarks und keine zus\u00e4tzlichen Belastungen, solange die technischen Alternativen nicht wettbewerbsf\u00e4hig zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Denn wenn Hoch\u00f6fen, Zementwerke und chemische Anlagen erst einmal stillgelegt oder ins Ausland verlagert sind, lassen sie sich nicht mit einem neuen Br\u00fcsseler F\u00f6rderprogramm zur\u00fcckholen.<\/p>\n<p>Dann ist aus Transformation tats\u00e4chlich Deindustrialisierung geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:\u00a0R.T.\u00a0Bild: ZZ\/KI\u00a0\u00a0Lizenz: \u2013\u00a0 Ende Juni hat die Europ\u00e4ische Kommission die neuen Benchmarks f\u00fcr die kostenlose&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23137,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[48],"tags":[12102,12100,1614,2945,89,12097,12101,4698,164,12098,12099],"class_list":["post-23134","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-europa","tag-carbon-leakage","tag-cbam","tag-deindustrialisierung","tag-emissionshandel","tag-eu","tag-eu-ets","tag-gratiszertifikate","tag-industrie","tag-oesterreich","tag-stahlindustrie","tag-zementindustrie"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Zuteilungsschock beim Emissionshandel<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Neue ETS-Benchmarks und der Abbau von Gratiszertifikaten erh\u00f6hen den Druck auf \u00d6sterreichs Industrie. 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