Bei einem Treffen mit Außenministerin Beate Meinl-Reisinger forderte ihr chinesischer Amtskollege Wang Yi Wien dazu auf, eine „konstruktive Rolle“ bei der Verbesserung der Beziehungen zwischen Peking und Brüssel zu spielen. Hinter den diplomatischen Freundlichkeiten steht ein Handelsungleichgewicht von gewaltigem Ausmaß.
„Partner, nicht Rivalen“
Europa und China müssten sich als Partner und nicht als Rivalen betrachten, erklärte Wang Yi am Donnerstag bei dem Treffen in Peking. China schätze Österreichs „rationale und pragmatische“ Politik und hoffe, dass Wien weiterhin zur Entwicklung der chinesisch-europäischen Beziehungen beitrage.
Meinl-Reisinger besucht China vom 22. bis 26. Juni. Es ist bereits ihr drittes Treffen mit Wang innerhalb eines Jahres. Österreich verfolge gegenüber Peking einen „konsequenten, pragmatischen und europäischen“ Kurs, erklärte die Außenministerin. Ziel sei es, Abhängigkeiten zu verringern und zugleich stabile Handelsbeziehungen auf Grundlage fairer und verlässlicher Regeln zu erhalten.
Dass Peking gerade Wien um Unterstützung ersucht, ist kein Zufall. Rund 650 österreichische Unternehmen sind in China tätig. Gleichzeitig zählt Österreich innerhalb der EU zu jenen Staaten, die gegenüber Peking einen vorsichtigeren Kurs verfolgen und eine weitere Eskalation des Handelsstreits vermeiden wollen.
Fast eine Milliarde Euro pro Tag
Im Jahr 2025 importierte die EU Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. Die europäischen Exporte nach China beliefen sich dagegen lediglich auf 199,6 Milliarden Euro. Das Handelsdefizit erreichte somit 359,8 Milliarden Euro. Nur 2022 war es noch höher.
Der Trend verschärft sich erneut. Im ersten Quartal 2026 stieg das europäische Defizit im Warenhandel mit China auf 98 Milliarden Euro und damit auf den höchsten Quartalswert seit 2022.
In Brüssel wächst deshalb der Druck, europäische Unternehmen besser vor staatlich geförderter Konkurrenz zu schützen und einseitige Abhängigkeiten bei seltenen Erden und anderen strategischen Gütern zu reduzieren. Die Kommission prüft unter anderem Regeln, nach denen Unternehmen in sensiblen Branchen ihre Lieferketten stärker diversifizieren müssten. Konkrete Vorschläge werden für das dritte Quartal erwartet.
Frankreich tritt für einen härteren Kurs ein. Deutschland, Spanien und Österreich verfolgen bislang eine vorsichtigere Linie. Peking weist die europäische Kritik zurück und wirft der EU vor, Handelsdaten einseitig darzustellen.
Eine Eskalation nützt Österreich tatsächlich wenig. Europa kann seine wirtschaftlichen Verbindungen zu China nicht über Nacht auflösen. Partnerschaft setzt allerdings ein Mindestmaß an Gegenseitigkeit voraus. Bei einem jährlichen Handelsdefizit von nahezu 360 Milliarden Euro ist davon derzeit wenig zu erkennen.
Wien kann eine konstruktive Rolle spielen. Es sollte dabei jedoch europäische und österreichische Interessen vertreten – und nicht zum Türöffner für Pekings Handelsstrategie werden.
