Die Welt erinnert sich wieder an etwas, das sie im Rausch der Globalisierung zu vergessen versucht hat: Die Geografie ist nicht verschwunden. Weder das Internet noch die Finanzmärkte, globale Lieferketten oder politische Erklärungen über eine „Welt ohne Grenzen“ konnten sie abschaffen.

Dušan Berak ist geopolitischer Analyst und Publizist (ZZ/Archiv)
Es genügt, dass zwei schmale Seewege unsicher werden – die Straße von Hormus und Bab al-Mandab –, und plötzlich zeigt sich, wie abhängig die vermeintlich globalisierte Welt von wenigen Kilometern Meer ist. Hormus und Bab al-Mandab sind keine bloßen Punkte auf der Landkarte, sondern Ventile der Weltwirtschaft. Durch sie fahren nicht nur Tanker, sondern durch sie bewegen sich Energiepreise, Inflation, industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Staatshaushalte, politische Stabilität und letztlich auch der tatsächliche Handlungsspielraum souveräner Staaten.
Deshalb ist die gegenwärtige Krise nicht nur eine Geschichte über den Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Staaten, die Huthi oder Israel. Sie stellt eine wesentlich unangenehmere Frage: Wie souverän sind Staaten tatsächlich, wenn ihre Wirtschaft von Energie abhängt, die durch eine Meerenge transportiert werden muss, über die sie selbst keinerlei Kontrolle besitzen?
Nach Angaben der US Energy Information Administration passierten die Straße von Hormus in der ersten Hälfte des Jahres 2025 täglich rund 20,9 Millionen Barrel Erdöl und Erdölprodukte – eine Größenordnung, die ungefähr einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs flüssiger Erdölprodukte entsprach.
Das verdeutlicht die Dimension. Wenn Hormus gestört wird, müssen nicht zwanzig Millionen Barrel physisch vom Markt verschwinden, damit die Weltwirtschaft reagiert. Es genügt, dass die Märkte glauben, sie könnten verschwinden. Denn Öl bezahlt heute nicht nur den Preis des Barrels, sondern auch den Preis der Angst.
Ein Tanker braucht Tage oder Wochen, um seine Route zu verändern, aber den Finanzmärkten genügen Sekunden. Eine Rakete, ein Angriff auf ein Schiff, eine militärische Drohung oder eine neue Risikobewertung der Versicherer – und die geopolitische Unsicherheit hat bereits einen Preis. Damit beginnt jener Teil der Geopolitik, der auf Fernsehbildern mit Flugzeugträgern, Raketen und militärischen Karten wesentlich seltener sichtbar wird.
Wenn wir über die Kontrolle globaler Seewege sprechen, schauen wir gewöhnlich darauf, wer über Kriegsschiffe verfügt. Das reicht längst nicht mehr, vielmehr müssen wir auch fragen: Wer versichert die Schiffe? Wer rückversichert das Risiko? Wer finanziert die Ladung? Wer bewertet das Kriegsrisiko? Wer wickelt die Zahlungen ab? Wer prüft die Sanktionen? Und unter welchen Bedingungen ist Kapital überhaupt noch bereit, ein Schiff in eine gefährliche Region zu schicken?
Deshalb bleibt London von enormer Bedeutung. Nicht weil irgendeine mystische britische Hand allein die Welt steuert. Seriöse Geopolitik braucht keine Verschwörungstheorien. Was sie braucht, ist das Verständnis der Infrastruktur der Macht.
London gehört weiterhin zu den bedeutendsten Zentren der weltweiten Schiffsversicherung und Rückversicherung. Lloyd’s und das breitere Londoner Versicherungsökosystem sind Teil einer Infrastruktur, ohne die die internationale Schifffahrt wesentlich komplizierter und teurer wäre. Unter Bedingungen extremen Kriegsrisikos können sich die zusätzlichen Kosten einer einzigen Passage durch Hormus auf Millionen oder sogar zweistellige Millionenbeträge belaufen.
Und hier zeigt sich eine der großen Wahrheiten moderner Geopolitik: Früher kontrollierten Seemächte die Meere mit Kanonen. Heute wird ein Teil maritimer Macht auch über den Preis des Risikos ausgeübt. Ein Krieg muss also keinen Tanker versenken, um Öl teurer zu machen, stattdessen genügt es, dass er das Risiko seiner Reise verteuert.
Damit kommen wir zu einem weiteren Irrtum. Oft hört man: Man müsse lediglich die freie Schifffahrt garantieren, dann sei das Problem gelöst. So einfach ist es nicht. Der Tanker muss versichert werden. Die Ladung muss versichert werden. Die Transaktion muss finanziert werden. Eine Bank muss die Zahlung akzeptieren. Sanktionsregime müssen das Geschäft zulassen. Ein Hafen muss bereit sein, das Schiff aufzunehmen. Eine Raffinerie muss den Rohstoff erhalten können.
In der modernen Welt reicht es deshalb nicht, das Meer zu öffnen, vielmehr muss man auch die Versicherung, die Bank und den Zahlungsweg öffnen. Hier treffen militärische, energetische und finanzielle Geopolitik aufeinander und hier wird deutlich, warum niemand das gesamte Schachbrett kontrolliert.
Der Iran besitzt die Geografie. Saudi-Arabien besitzt gewaltige Energieressourcen und alternative Infrastruktur. Katar besitzt Flüssigerdgas. Die Vereinigten Staaten verfügen über enorme militärische, finanzielle und sanktionspolitische Macht. China verfügt über gewaltige Nachfrage, Handelsmacht und wachsenden diplomatischen Einfluss. Russland besitzt Energieressourcen und das geopolitische Gewicht eines großen Produzenten. London beherbergt einen wichtigen Teil der globalen Infrastruktur für Schiffsversicherung und Rückversicherung. Niemand besitzt also alles, weshalb es kein Gleichgewicht vollständiger Macht ist, sondern ein Gleichgewicht gegenseitiger Verwundbarkeit.
Damit kommen wir zu Bab al-Mandab. Wenn Hormus unsicher wird, besitzt Saudi-Arabien mit seiner East-West-Pipeline die Möglichkeit, einen Teil seines Erdöls in Richtung Rotes Meer umzuleiten. Genau das tun strategisch denkende Staaten, indem sie Alternativen schaffen. Aber was geschieht, wenn gleichzeitig auch der südliche Zugang zum Roten Meer unsicher wird?
Dann beginnt die Alternative selbst, ihren strategischen Wert zu verlieren. Eine Alternative hört auf, eine Alternative zu sein, sobald auch sie zur Front wird. Müssen Schiffe Afrika umfahren, besteht das Problem nicht nur im zusätzlichen Treibstoffverbrauch. Die Reise dauert länger. Dasselbe Schiff kann innerhalb eines bestimmten Zeitraums weniger Fahrten absolvieren. Für dieselbe Warenmenge werden mehr Tanker benötigt. Versicherungskosten steigen, Lieferketten verlangsamen sich usw.
Plötzlich erkennen wir, dass in einer Energiekrise nicht nur entscheidend ist, wie viel Öl die Welt besitzt. Entscheidend ist auch, wie schnell und zu welchen Kosten sie dieses Öl transportieren kann.
Ein weiterer Fehler wäre, Hormus ausschließlich als Ölproblem zu betrachten. Denn es geht ebenso um Flüssigerdgas (LNG). Katar gehört zu den bedeutendsten LNG-Exporteuren der Welt. Seine geografische Lage macht die Sicherheit der Straße von Hormus daher auch für den internationalen Gasmarkt relevant. Gas bedeutet aber nicht nur Heizung, sondern auch Stromerzeugung, chemische Industrie, Düngemittel, industrielle Produktion, Wettbewerbsfähigkeit. Wenn wir also nur über Öl sprechen, sehen wir lediglich die Hälfte des Problems.
Österreich ist vielleicht eines der besten europäischen Beispiele für diese neue Realität. Österreich hat keinen Zugang zum Meer, besitzt keine eigene Tankerflotte, die Hormus passieren muss und ist nicht unmittelbar von iranischem Erdöl abhängig. Und trotzdem erreicht die Rechnung Wien, wenn Hormus teurer wird. Sie erreicht die Tankstelle, das Transportunternehmen, die Fabrik, die Fluggesellschaft, die privaten Haushalte und die Volkswirtschaft über die Inflation.
Damit öffnet sich eine interessante Frage zur österreichischen Neutralität. Neutralität kann eine außenpolitische Doktrin sein, sie kann einem Staat diplomatischen Handlungsspielraum verschaffen und sie kann die Grundlage für Vermittlung bilden.
Aber es gibt etwas, das sich Weltenergiemarkt nennt – und dieser kennt keine politische Neutralität des Käufers. Energetische Neutralität existiert nicht. Wird Hormus teurer, erreicht die Rechnung auch das neutrale Österreich.
Gerade hier zeigen sich unterschiedliche politische Akzente innerhalb Österreichs. Die Bundesregierung betont Diversifizierung, strategische Reserven, europäische Koordination, Versorgungssicherheit und politischen Druck auf Iran bei gleichzeitiger diplomatischer Deeskalation.
Die FPÖ legt einen stärkeren Schwerpunkt auf die traditionelle österreichische Neutralität, eine mögliche Vermittlerrolle Wiens, strategische Energiereserven und einen größeren nationalen Handlungsspielraum in Fragen der Energieversorgung. Das ist eine legitime politische Auseinandersetzung. Unterhalb dieser Debatte bleibt jedoch eine unerbittliche materielle Tatsache bestehen: Neutralität allein füllt keine Gasspeicher.
Genau hier liegt die eigentliche Lehre dieser Krise. Souveränismus bedeutet nicht, möglichst laut gegen Großmächte aufzutreten. Er bedeutet nicht, einen dominierenden Partner gegen einen anderen auszutauschen. Und er bedeutet auch nicht, zu glauben, ein mittelgroßer oder kleiner Staat könne sich von allen internationalen Abhängigkeiten lösen. Das wäre keine Strategie, sondern politische Romantik.
Ernst verstandene staatliche Souveränität bedeutet etwas anderes: Mehrere Lieferanten, mehrere Versorgungswege, ausreichende strategische Reserven, belastbare Infrastruktur, eigene Produktion dort, wo sie wirtschaftlich und technisch sinnvoll ist, und außenpolitische Beziehungen, die dem Staat einen möglichst großen Handlungsspielraum erhalten.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Staat vollkommen unabhängig sein kann. Das kann in einer hochgradig vernetzten Welt kaum jemand. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie viele Alternativen besitzt ein Staat, wenn seine bevorzugte Option plötzlich ausfällt?
Jahrzehntelang wurde uns erklärt, wirtschaftliche Interdependenz werde die Geopolitik zunehmend bedeutungslos machen. Geschehen ist beinahe das Gegenteil. Je stärker Volkswirtschaften miteinander verbunden sind, desto wichtiger wird die Frage, wer die Knotenpunkte dieser Verbindung kontrolliert oder beeinflussen kann. Eine Meerenge, einen Hafen, eine Pipeline, eine Versicherung, eine Bank, ein Zahlungssystem, eine Technologie, strategische Reserven.
Die Souveränität des 21. Jahrhunderts bemisst sich deshalb nicht nur an Flagge, Hymne und Sitz in den Vereinten Nationen, sondern auch an der Zahl realer Optionen, über die ein Staat in der Krise verfügt. Wer nur einen Lieferanten besitzt, macht sich von diesem Lieferanten abhängig. Wer nur einen Transportweg besitzt, macht sich von diesem Transportweg abhängig. Wer nur einen Finanzierungsweg besitzt, macht sich von diesem abhängig. Und wer sich außenpolitisch vollständig an ein einziges Machtzentrum bindet, reduziert seinen eigenen Handlungsspielraum.
Ein Staat gewinnt Freiheit zurück, sobald er eine zweite Möglichkeit schafft. Deshalb sind Hormus und Bab al-Mandab weit mehr als zwei Meerengen, sondern ein Spiegel der Welt, in die wir eingetreten sind. Eine Welt, in der niemand das gesamte Schachbrett kontrolliert, in der aber viele Akteure einzelne Felder blockieren können.
Gerade deshalb müssen Staaten strategischer denken, ihre Verwundbarkeit reduzieren und ihre Fähigkeit bewahren, mit unterschiedlichen Machtzentren zu sprechen. Denn ein Staat kann Großmächten nicht befehlen, ihre Konflikte zu beenden, aber er kann sich aber darauf vorbereiten, ihre Konflikte zu überstehen. Das ist der Kern moderner Souveränität: nicht die Illusion völliger Unabhängigkeit, sondern die Fähigkeit, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Und deshalb ist die letzte Lehre dieser Krise bemerkenswert einfach: Souverän ist nicht, wer am lautesten von Unabhängigkeit spricht. Souverän ist, wer eine Wahl hat.
