Herr Schramm, wie verlief Ihr Weg vom AfD-Politiker zum Kämpfer in der Ukraine – und wie stehen Sie heute grundsätzlich zu diesem Krieg?
Tim Schramm: Mein Weg dorthin hatte mehrere Gründe. Als politisch rechter Mensch hatte ich grundsätzlich immer Interesse am Militär und wollte ursprünglich selbst Soldat bei der Bundeswehr werden. Jedoch wurde ich „gesperrt“. Hier drängt sich für mich der Verdacht auf, dass das mit meiner Gesinnung bzw. Tätigkeit bei der Jungen Alternative (JA) zusammenhängt.
In der Ukraine ergab sich für mich schließlich die Möglichkeit, tatsächlich militärisch zu kämpfen – gemeinsam mit Menschen, die diese Aufgabe ernst nehmen. Hinzu kam, dass ich zuvor bereits mehrfach vor Ort gewesen war und mich intensiv mit der Situation beschäftigt hatte.
Entscheidend ist für mich aber auch das deutsche Interesse: Ich halte einen Sieg der Ukraine für möglich oder zumindest eine ukrainische Niederlage für unbedingt vermeidbar. Dort verteidigt sich ein national denkendes und aus meiner Sicht deutschfreundliches Volk gegen einen Gegner, der ihm teilweise sogar seine eigenständige nationale Identität abspricht. Waffenlieferungen an die Ukraine sind teuer – die Folgen einer ukrainischen Niederlage könnten für Deutschland und Europa jedoch noch wesentlich teurer werden.

Tim Schramm (23), wurde letztes Jahr in den Rat der Stadt Wuppertal gewählt und ist Stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD Wuppertal. Als ausländischer Freiwilliger hat er in der ukrainischen Armee als Mörserschütze gedient.
Sie haben den Krieg selbst an der Front erlebt. Wie unterscheidet sich die Realität dort vom Bild, das in Deutschland bzw. Europa vermittelt wird?
Schramm: Ich beschäftige mich ehrlich gesagt kaum damit, wie der Krieg in Deutschland oder Europa dargestellt wird, weil viele Dinge hier traditionell sehr verzerrt vermittelt werden. Vieles, was man aber aus älteren Kriegsdarstellungen kennt, stimmt tatsächlich: Das Schlimmste am Krieg ist oft das Warten, die Ungewissheit und die Tatsache, dass über lange Zeit scheinbar gar nichts passiert.
Dazu kommen ganz banale Dinge, an die man vorher kaum denkt – etwa, dass man sich tage- oder wochenlang nicht duschen kann. Auch Artilleriefeuer klingt tatsächlich so, wie man es aus Filmen kennt. Ich dachte vorher teilweise, dieses Pfeifen sei ein Hollywood-Effekt, aber das ist wirklich so.
Besonders prägend war für mich auch der Kontrast zum normalen Leben zu Hause. Wenn man auf einem Pick-up an die Front fährt, hinter sich die Staubwolke sieht und weiß: Jetzt gibt es kein Zurück mehr, dann ist das eine sehr besondere Situation. Gleichzeitig bekommt man später Nachrichten von Freunden aus Deutschland, die gerade im Taxi auf dem Weg in den Club sitzen. Dieser Gegensatz bleibt einem im Gedächtnis.
Wir dürfen den Krieg den die Ukraine derzeit mit Russland führt nicht kopieren – sonst haben wir schon verloren.
Welche Rolle spielen Drohnen heute im Krieg – und wie stark haben sie das Schlachtfeld verändert?
Schramm: Drohnen spielen heute eine erhebliche Rolle. Es gibt an der Front mittlerweile regelrechte No-Go-Areas, in denen Bewegungen oder Fahrzeugverlegungen kaum noch möglich sind, weil jederzeit mit Drohnen gerechnet werden muss.
Besonders wichtig sind sie bei der Aufklärung. Wenn permanent Kameras in der Luft sind, verändert das die Möglichkeiten der Gefechtsfeldbeobachtung natürlich grundlegend. Man weiß oft nicht mehr, ob und wann der Gegner einen bereits gesehen hat und wie er darauf reagieren wird.
Das Schlachtfeld ist dadurch deutlich transparenter, gleichzeitig aber für den einzelnen Soldaten auch unberechenbarer geworden. Zu den klassischen Gefahren wie Artillerie kommt heute die ständige Unsicherheit durch Drohnen hinzu. Man achtet nicht mehr nur auf das Pfeifen von Granaten oder andere Geräusche, sondern permanent auch auf das mögliche Summen einer Drohne.
Machen Drohnen und Präzisionswaffen den Krieg tatsächlich „sauberer“ und distanzierter – oder bleibt er für den Soldaten genauso brutal?
Schramm: Ob Drohnen den Krieg tatsächlich „sauberer“ machen, ist für mich vor allem eine ethische Frage. Wenn eine ferngesteuerte Drohne mit Sprengladung einen Menschen trifft, ist das Ergebnis für den Betroffenen nicht weniger brutal als bei anderen Waffen. In diesem Sinne würde ich nicht sagen, dass der Krieg dadurch sauberer wird.
Im Grunde ist eine Drohne häufig einfach eine sehr präzise Waffe – vereinfacht gesagt eine Art intelligente Artilleriegranate oder fliegende Handgranate mit deutlich größerer Reichweite. Dazu kommt natürlich ihre enorme Bedeutung als Aufklärungsmittel.
Für den Drohnenoperator mag der Krieg distanzierter wirken, weil er nicht unmittelbar am Ort des Einschlags ist. Für den Soldaten, der von einer Drohne verfolgt oder getroffen wird, ist davon aber nichts „sauber“. Gerade die bekannten Aufnahmen, auf denen einzelne Soldaten von Drohnen verfolgt werden und verzweifelt versuchen, sie abzuwehren, zeigen sehr deutlich, wie unmittelbar und brutal diese Form der Kriegsführung sein kann.
Haben Panzer und klassische Infanterie im modernen Drohnenkrieg überhaupt noch eine Zukunft?
Schramm: Ja, definitiv. Drohnen können Infanterie und Panzer auf absehbare Zeit nicht vollständig ersetzen. Eine Drohne braucht weiterhin einen Operator, und auch automatisierte Systeme müssen kontrolliert werden. Vor allem können Drohnen kein Gelände dauerhaft besetzen und kontrollieren. Am Ende braucht es immer noch Soldaten, die tatsächlich in ein Dorf oder eine Stellung vorrücken und dort Präsenz zeigen.
Deshalb halte ich die Infanterie auch im modernen Drohnenkrieg weiterhin für unverzichtbar. Es gibt zwar Berichte über Stellungen, die zeitweise fast ausschließlich durch Drohnen verteidigt wurden, aber auch dahinter stehen letztlich Menschen.
Ähnlich sehe ich es beim Kampfpanzer. Er wird sich an die neue Bedrohung anpassen müssen – etwa durch Schutzsysteme, Störsender oder andere Maßnahmen gegen Drohnen. Aber das Prinzip des gepanzerten Kettenfahrzeugs wird meiner Einschätzung nach bestehen bleiben. Vielleicht werden Panzer künftig mit weniger Besatzung auskommen, grundsätzlich werden sie aber weiterhin gebraucht.
Die Diskussion erinnert ein wenig an frühere technologische Umbrüche: Auch mit der Einführung neuer Waffen wurden ältere Systeme nicht automatisch überflüssig. Drohnen verändern das Schlachtfeld massiv, sie ersetzen aber nicht sämtliche klassischen Waffengattungen.
Welche Lehren müsste Europa militärisch aus dem Ukrainekrieg ziehen?
Schramm: Europa sollte unbedingt von den ukrainischen Erfahrungen lernen. Ich halte es zum Beispiel für sinnvoll, dass unsere Soldaten gemeinsam mit Ukrainern trainieren und von deren praktischen Erfahrungen mit Drohnen, Aufklärung und Drohnenabwehr profitieren.
Einen Fehler dürfen wir aber nicht machen: Wir dürfen nicht glauben, dass wir einen möglichen Krieg genauso führen könnten wie die Ukraine. Wenn wir uns in einem etwaigen Krieg mit Russland irgendwann in einer Situation befinden, die mit der heutigen Lage der ukrainischen Armee vergleichbar ist, dann haben wir diesen Krieg aus meiner Sicht bereits verloren. Wir müssen alles daransetzen, dass es gar nicht erst so weit kommt. Unser Ziel müsste sein, sehr schnell Lufthoheit zu erreichen und anschließend mit schnellen Vorstößen die Entscheidung zu erzwingen. Wenn wir uns nach wenigen Wochen eingraben müssen, uns kaum noch bewegen können und anschließend monatelang um einzelne Dörfer oder sogar nur wenige Häuser kämpfen, dann ist genau die Situation eingetreten, die wir unbedingt vermeiden müssen.
Die wichtigste Lehre lautet für mich daher: Moderne Drohnenkriegsführung und Drohnenabwehr beherrschen – aber gleichzeitig Streitkräfte so aufstellen, dass sie beweglich bleiben, schnell Lufthoheit herstellen und offensiv handeln können. Von den Ukrainern sollten wir lernen, wie diese Systeme funktionieren und wie man ihnen begegnet. Wir dürfen aber nicht der Illusion erliegen, dass wir nur lernen müssten, genauso Krieg zu führen wie die Ukrainer. Gerade das darf für europäische Armeen nicht das Ziel sein.
Das Gespräch führte Wolf-Rüdiger Mölzer.
