Europa gerät in die Krise des alten politischen Konsenses. Migration, Energie, Krieg, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und nationale Souveränität sind zu Fragen geworden, auf die ein großer Teil der Wähler die Antworten des politischen Zentrums nicht mehr akzeptiert. Noch wichtiger: Wir dürfen drei Dinge nicht gleichsetzen – die Stimme für die AfD, die Unterstützung für jede einzelne Politik der AfD und die Unzufriedenheit mit dem bestehenden System. Gerade die Unterscheidung dieser Kategorien macht den Auftritt ernsthafter.

Dušan Berak ist geopolitischer Analyst und Publizist (ZZ/Archiv)
Sachsen-Anhalt ist nicht Deutschland im Kleinen, aber es kann das Laboratorium dessen sein, was später auf Bundesebene geschehen wird. Am 6. September 2026 hat die AfD 43,8 Prozent der Stimmen geholt – ein historisches Ergebnis. Nach vorläufigen Daten verfügt sie über 39 von 83 Sitzen – nur drei Sitze unter der absoluten Mehrheit. Die CDU ist auf 17,2 Prozent halbiert. SPD, Grüne und Die Linke liegen bei etwa acht bis neun Prozent. Und dort taucht das BSW auf – mit 5,3 Prozent und fünf Abgeordneten. Genau diese fünf Stimmen werden zum Zünglein an der Waage sein.
Auf Bundesebene hat die CDU/CSU von Friedrich Merz bei der Bundestagswahl 2025 mit rund 28,5 Prozent gewonnen und eine Regierung mit der SPD gebildet. Die AfD landete mit 20,8 Prozent auf dem zweiten Platz – das beste Ergebnis der Rechten seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Linke ist zurückgekehrt, das BSW ist unter fünf Prozent gefallen und nicht in den Bundestag eingezogen. Merz’ schwarz-rote Koalition ist dünn und verliert bereits jetzt an Unterstützung. Umfragen zeigen heute die AfD vor der CDU/CSU auf nationaler Ebene.
Alle Mainstream-Parteien – CDU, SPD, Grüne, Die Linke – halten weiterhin die sogenannte „Brandmauer“ gegenüber der AfD aufrecht. Sie sagen: keine Zusammenarbeit, keine Regierung. Aber mathematisch wird das immer schwieriger. In Thüringen gab es bereits das Experiment der sogenannten Blackberry-Koalition aus CDU + SPD + BSW. In Brandenburg war es eine rot-violette Koalition mit dem BSW, die jedoch zerbrach. Auf Bundesebene halten Merz und die SPD eine knappe Mehrheit, doch wenn die AfD weiter wächst und die CDU fällt, kann diese Mehrheit verschwinden.
Und hier kommt das BSW ins Spiel. Sahra Wagenknecht und die lokalen Führungskräfte in Sachsen-Anhalt sagen gestern und heute klar: „Die Politik der Ausgrenzung der AfD ist gescheitert. Der Versuch, erneut eine Koalition nur zu bilden, um die AfD von der Macht fernzuhalten, wäre eine Beleidigung der Wähler.“ Sie bieten keine formelle Koalition mit der AfD an. Sie schlagen einen dritten Weg vor – eine „überparteiliche“ oder Expertenregierung mit einem unabhängigen Ministerpräsidenten und wechselnden Mehrheiten. Entscheidend ist jedoch die Aussage: Das BSW wird im dritten Wahlgang nicht gegen den AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund stimmen. Mit anderen Worten – wenn sie sich enthalten, kann die AfD eine Minderheitsregierung bilden.
Das ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal seit 1945 besteht die reale Möglichkeit, dass eine rechte Partei ein deutsches Bundesland führt – selbst wenn es eine Minderheitsregierung ist. Die AfD sagt, sie wolle keine Minderheitsregierung und gehe lieber in Neuwahlen, doch der Druck ist enorm. Wenn das BSW tatsächlich ermöglicht, dass Siegmund Ministerpräsident wird, ist die „Brandmauer“ gebrochen. Nicht formell, aber de facto.
Wichtig ist daran zu erinnern: Sahra Wagenknecht war in der Linken, und die Partei BSW wird nun gemeinsam von Amira Mohamed Ali geführt. Ihr Ehemann ist Oskar Lafontaine, ein erfahrener und starker Linker. Zweimal waren sie bereits das Zünglein an der Waage in den östlichen Bundesländern – und beide Male haben sie, nach den Worten vieler, die sie unterstützt haben, die Erwartungen der Wähler enttäuscht, die echte Veränderung wollten und nicht erneut denselben Kompromiss.
Kanzler Merz hat scharf reagiert. Er sagte, dieses Ergebnis erschüttere ihn „bis ins Fundament“ und die CDU könne nicht mehr so weitermachen wie bisher. Das ist ein offenes Eingeständnis, dass die alte Strategie der Ausgrenzung der AfD zusammenbricht. Wenn in Magdeburg eine AfD-Minderheitsregierung oder auch nur eine Tolerierung zugelassen wird, wird der Druck auf Merz in Berlin explodieren. Seine Wähler im Osten wechseln bereits massenhaft zur AfD, und nationale Umfragen zeigen die AfD in Führung.
Was bedeutet das im weiteren Sinne? Im Osten Deutschlands hat die AfD schon länger 35 bis 40 Prozent. In Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern – überall ist sie die stärkste oder zweitstärkste Kraft. Wenn in Sachsen-Anhalt eine Minderheitsregierung oder auch nur eine Tolerierung durchgeht, wird das zum Präzedenzfall. Bei der nächsten Bundestagswahl 2029 oder sogar früher bei vorgezogenen Wahlen wird die Frage der „Brandmauer“ kein Tabu mehr sein. Das BSW verhält sich hier wie ein klassischer „Spoiler“ und potenzieller Königsmacher. Wirtschaftlich links, kulturell konservativ, gegen Migration, gegen die Unterstützung der Ukraine, für den Dialog mit Russland. Darin überschneidet es sich mit der AfD mehr als mit der SPD oder den Grünen. Deshalb kann es sagen: Wir werden den Willen von 44 Prozent der Wähler nicht blockieren.
Aus serbischer Sicht hat diese Entwicklung besonderes Gewicht. Aus den Reihen des BSW, ebenso wie aus denen der FPÖ und von Fidesz, war mehrfach zu hören, dass sie die Aberkennung des Kosovo unterstützen würden. Das ist keine Nebensache. Nur als Gemeinschaft souveräner Staaten kann die Europäische Union bestehen – niemals als übernationaler Mechanismus, in dem Institutionen in Brüssel über die Köpfe der Völker hinweg entscheiden. Sachsen-Anhalt zeigt, dass die Wähler genau dieses Modell zunehmend ablehnen.
Natürlich gibt es auch andere Szenarien. Die CDU könnte theoretisch eine breite „Firewall“-Koalition mit SPD, Grünen und Die Linke versuchen – aber das wäre eine monströse Regierung mit enormen internen Konflikten. Oder eine CDU-Minderheitsregierung mit Tolerierung durch andere. Doch mit 17 Prozent wäre das politischer Selbstmord.
Dieses Ergebnis bleibt nicht nur innerhalb Deutschlands. Es sendet ein starkes Signal an alle souveränistischen Bewegungen in Europa. Herbert Kickl, der Führer der österreichischen FPÖ, hat sofort reagiert: Er nannte den AfD-Sieg „eine demokratische Machtstimme des Souveräns, die weit über Deutschland hinaus gehört wird“. Er sagte, die Wähler hätten jene undemokratische „Brandmauer“ eingerissen, die die Eliten gegen die einzige patriotische Kraft errichtet hatten – und dass dies dieselbe Dynamik sei, die auch in Österreich den patriotischen Wandel vorantreibe. Kickl hat Ulrich Siegmund persönlich gratuliert und erklärt, dass die Menschen in ganz Europa ihr Land zurückholen. Ähnliche Botschaften kamen von Viktor Orbán und Matteo Salvini. Für die souveränistischen Bewegungen von Wien über Budapest bis Rom ist dies nicht nur eine deutsche Nachricht – dies ist der Beweis, dass die „Brandmauer“ durchbrochen werden kann und dass die Wähler die alte Politik nicht länger ertragen werden.
Das Fazit ist klar. Der Erfolg der AfD ist nicht mehr nur Protest. Er ist zu einem strukturellen Faktor geworden. Das BSW, das selbst einen Aufstieg und Fall erlebt hat, hält nun den Schlüssel in einem entscheidenden Bundesland. Wenn sie eine AfD-Minderheitsregierung ermöglichen – oder sie nur nicht blockieren – verändert das die Spielregeln in ganz Deutschland. Die Brandmauer ist nicht mehr undurchdringlich. Und wenn sie einmal im Osten bricht, ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie sich auch auf Bundesebene öffnet – und wann derselbe Wind durch den Rest Europas weht.
