Am 15. August, in Litauen der Tag des Žolinė-Festes, im deutschsprachigen Raum Mariä Himmelfahrt, kamen im Bezirk Kaunas die internationale Kulturbewegung „U-Turn for Europe“ und die zivilgesellschaftliche Bewegung „Alternative für Litauen“ zusammen. Unter den Gästen aus Litauen, Österreich und Deutschland waren Kulturschaffende, Künstler und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen, darunter ein Geiger der Wiener Staatsoper und, per Video zugeschaltet, ein Nachkomme des Hauses Habsburg.
Der Kerngedanke des Treffens war, dass die Völker Europas nicht durch politische oder wirtschaftliche Strukturen vereint werden, sondern durch eine gemeinsame Kultur, das historische Gedächtnis, den Respekt vor der Eigenart der Völker und ihre jahrhundertealten Traditionen.
Der Vorsitzende von „U-Turn for Europe“, Stefan Korte, ging darauf in seiner Rede ausführlich ein. Er betonte, dass die Völker Europas weitaus mehr gemeinsam haben, als wir oft annehmen, und dass die kulturelle und christliche Überlieferung zu ihren stärksten Bindungen zähle. Am Beispiel des Mariä-Himmelfahrtstages, an dem litauische wie deutsche Frauen mit gepflückten Blumen und Kräutern zur Segnung in die Kirche gehen, leitete er das Anliegen der Bewegung ab: die Rückbindung der Völker an ihre eigene Kultur, damit Europa nicht in Institutionen und Vorschriften aufgehe, sondern in seinen Menschen, Familien und Bräuchen lebendig bleibe.
Fürst Leo von Hohenberg, Schirmherr von „U-Turn for Europe“ und Urenkel des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, begrüßte die Teilnehmer per Videokonferenz. In seiner Grußrede sprach er über jene, die heute Verantwortung übernehmen, die Europäer zusammenzuführen und nach einer anderen Zukunftsvision für den Kontinent zu suchen.
Valdas Tutkus, stellvertretender Vorsitzender von „U-Turn for Europe“ und zugleich Vorsitzender der „Alternative für Litauen“, richtete ebenfalls das Wort an die Anwesenden. Er sprach über die Notwendigkeit, die Beziehungen zwischen den europäischen Völkern zu stärken und dabei ihre Identität, Geschichte und Eigenart zu bewahren.
Der Regisseur Vytautas Mikalauskas widmete sich der Bedeutung der Kultur für Gesellschaft und Staat. Bei der Veranstaltung wurde Kultur nicht als Anhang zur Politik oder als bloße Unterhaltung verstanden, sondern als eine der wichtigsten Grundlagen für das Überleben einer Nation, ihr Selbstverständnis und den Dialog zwischen den Völkern. Eine Politik ohne kulturelles Fundament, so der Tenor, findet auf Dauer keine solide Basis.
Ein besonderer Höhepunkt war ein Auftritt, wie ihn Litauen bei Veranstaltungen dieser Art noch nicht erlebt hat. Dominik Hellsberg, Violinist der Wiener Staatsoper und Sohn von Dr. Clemens Hellsberg, der von 1997 bis 2014 Vorstand der Wiener Philharmoniker war, gab ein Konzert für die Teilnehmer. Es erklangen Werke von Johann Sebastian Bach, Sergej Prokofjew, Niccolò Paganini und anderen großen Komponisten. Hellsberg ist Musiker in dritter Generation, in einigen seiner Noten sind noch die handschriftlichen Anmerkungen seines Großvaters erhalten. So wird Musik im Wortsinn von Generation zu Generation weitergegeben, nicht allein durch die Werke, sondern durch das Familiengedächtnis. Noch am Vortag hatte er in Salzburg konzertiert, am Tag darauf erwartete ihn Wien. Sein Kommen nach Kaunas wurde damit zum lebendigen Sinnbild jener kulturellen Gemeinschaft Europas, von der die Gäste zuvor gesprochen hatten. Organisiert und finanziert wurde das Konzert vom „Förderverein Stiftung U-Turn for Europe“.
An dem Treffen wirkten weitere Künstler und Interpreten aus Litauen mit, ebenso waren Vertreter der internationalen humanitären Organisation „Lazarus“ in Litauen sowie Gäste aus dem gesellschaftlichen Leben des In- und Auslands zugegen.
In seiner Rede blieb Korte nicht beim Kulturellen. Er warnte eindringlich vor dem Vorhaben, Artikel 137 aus der litauischen Verfassung zu tilgen, der ausländische Militärbasen und Massenvernichtungswaffen auf litauischem Boden verbietet. Wer die tödlichsten Waffen der Welt in ein Land in der Zange zwischen Königsberg und Weißrussland trage, erhöhe nicht die Sicherheit, sondern die Wahrscheinlichkeit, zum Erstschlagsziel zu werden. Die Probleme Europas, so Korte, ließen sich nicht durch Konfrontation lösen, sondern allein durch das Gespräch auf Augenhöhe.
Mit diesem Tag wurde ein Zeichen gesetzt. Das litauische Žolinė-Fest ist eines der ältesten und schönsten Feste des Landes, und am selben Tag begeht man andernorts in Europa Mariä Himmelfahrt mit verwandten, oft gleichen Bräuchen. Stefan Korte fasste es in seiner Rede so: „Eine litauische Frau trägt ihren Strauß in die Kirche, im selben Augenblick, über tausend Kilometer weiter westlich, tut eine deutsche Frau dasselbe, mit verwandten Kräutern und derselben stillen Bitte. Die beiden haben einander nie gesehen, sprechen nicht dieselbe Sprache und vollziehen doch denselben uralten Brauch. Nicht Verträge machen uns zu Europäern, sondern gemeinsames Brauchtum, gemeinsamer Glaube, eine verwandte Frömmigkeit, die ein litauischer und ein deutscher Bauer teilen, ohne je ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Das ist das wahre Europa.“ An der Rückkehr zu eben diesen Wurzeln, zu einem Europa der Völker und nicht der Institutionen, arbeitet „U-Turn for Europe“.
