L
Der jüngste Zwischenfall über dem irischen Luftraum – militärische Drohnen, die sich der Flugroute des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selensky näherten – zeigt, wie fragil die Sicherheitsarchitektur Europas geworden ist. Die unidentifizierten Drohnen drangen in eine eigens verhängte Flugverbotszone ein, flogen in Sichtweite eines irischen Marinebootes und blieben fast zwei Stunden in der Luft. Für irische Behörden war klar: Die Drohnen wollten gesehen werden. Die symbolische Botschaft eines hybriden Angriffs lag offen zutage, während Herkunft und Auftraggeber im Unklaren bleiben. Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie mysteriöser Drohneneinsätze über Nordeuropa, die bereits Flughäfen und kritische Infrastruktur betrafen.
Doch die eigentliche politische Erschütterung kommt aus einem anderen Feld, und zwar aus einem geleakten Telefonat europäischer Spitzenpolitiker, das tiefe Risse zwischen Europa und Washington offenlegt. Laut einem von „Der Spiegel“ veröffentlichten Gesprächsprotokoll fürchten Frankreichs Präsident Macron, Deutschlands Kanzler Merz, Finnlands Präsident Stubb und NATO-Chef Rutte, dass die USA unter Präsident Trump bereit sind, die Ukraine in territorialen Fragen fallen zu lassen. Die europäischen Regierungschefs sprechen offen von „Gefahr für Selensky“, misstrauen den US-Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner und warnen den ukrainischen Präsidenten, er müsse „extrem vorsichtig“ sein. Dass Rutte gar von einer Pflicht spricht, „Wolodimir zu schützen“, zeigt, wie weit sich Europa inzwischen von den amerikanischen Friedensbemühungen entfernt hat.
Während Washington versucht, über revisionsbereite Verhandlungen das Ende des Krieges zu erzwingen, klammern sich europäische Regierungen trotz eines militärisch kollabierenden ukrainischen Frontverlaufs an politische Maximalpositionen. Die Sorge der EU-Spitzen gilt weniger einem stabilen Frieden als dem eigenen geopolitischen Bedeutungsverlust, sollte Trump seine 19- bzw. 28-Punkte-Agenda durchsetzen. Besonders heikel ist die Frage der eingefrorenen russischen Vermögenswerte, deren Rückführung die USA als Verhandlungsmasse betrachten, während europäische Führer sie als ihr exklusives „Privileg“ reklamieren.
In dieser Lage erhält der Drohnenvorfall um Selenskys Flug eine neue Bedeutung. Sicherheit, Symbolik und politisches Timing verdichten sich zu einem Bild: Europa ist zunehmend reaktiv, nervös und strategisch zerrissen zwischen US-Druck, eigener Eskalationslogik und einer Realität, die am Schlachtfeld längst Fakten geschaffen hat. Die NATO betont Geschlossenheit, doch das geleakte Gespräch zeigt das Gegenteil, nämlich tiefes Misstrauen, divergierende Ziele und ein Europa, das Angst hat, bei einem US-russischen Deal geopolitisch entmachtet zu werden.
