Die Europäische Kommission hat staatliche Beihilfen in Höhe von 659 Millionen Euro für vier neuartige Halbleiterprojekte in Deutschland genehmigt. Ziel ist es, Europas technologische Unabhängigkeit zu stärken und den Rückstand gegenüber den USA und Asien zu verringern. Die Entscheidung zeigt jedoch vor allem eines: Europa versucht heute mit milliardenschweren Förderprogrammen aufzuholen, was in den vergangenen Jahrzehnten industriepolitisch versäumt wurde.
Späte Antwort auf einen strategischen Rückstand
Mikrochips sind das Fundament moderner Volkswirtschaften. Sie stecken in Autos, Maschinen, Smartphones, Medizintechnik und Rüstungssystemen. Spätestens die Lieferengpässe während der Corona-Pandemie machten deutlich, wie abhängig Europa von Produzenten außerhalb des Kontinents geworden ist.
Mit dem European Chips Act will die Europäische Union ihren Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion bis 2030 auf 20 Prozent steigern. Derzeit liegt er – je nach Berechnung – bei rund zehn Prozent.
Die nun genehmigten Beihilfen sollen vier neuartige Halbleiteranlagen in Deutschland ermöglichen. Nach Ansicht der Kommission leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur technologischen Souveränität Europas.
Europa besitzt Know-how – aber zu wenig Produktion
Von einem technologisch bedeutungslosen Kontinent kann dennoch keine Rede sein. Europa verfügt über starke Forschungsstandorte und weltweit führende Unternehmen in einzelnen Bereichen der Halbleiterindustrie. Auch bei Maschinen für die Chipproduktion sowie bei Leistungshalbleitern für Industrie und Automobilbau zählt Europa zur Weltspitze.
Gerade bei den modernsten Logikchips liegt die eigentliche Schwäche. Diese werden heute überwiegend in Taiwan, Südkorea und den USA gefertigt. Gleichzeitig investieren China und die Vereinigten Staaten seit Jahren Milliardenbeträge, um ihre eigene Produktion weiter auszubauen.
Europa reagiert darauf erst jetzt mit einer umfassenden Industriepolitik. Das ist grundsätzlich richtig. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob Fördergelder allein ausreichen.
Geld ersetzt keinen wettbewerbsfähigen Standort
Für Österreich ist diese Entwicklung von unmittelbarer Bedeutung. Mit Infineon Austria in Villach und ams OSRAM verfügt das Land über international bedeutende Halbleiterstandorte. Gleichzeitig sind österreichische Maschinenbauer, Elektronikunternehmen und zahlreiche Zulieferbetriebe eng in die europäische Chipindustrie eingebunden.
Neue Fabriken entstehen jedoch nicht allein durch staatliche Zuschüsse. Ebenso wichtig sind wettbewerbsfähige Energiepreise, ausreichend Fachkräfte, schnelle Genehmigungsverfahren und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Gerade in diesen Bereichen sehen viele Unternehmen weiterhin erheblichen Verbesserungsbedarf.
Dabei steht Europa vor einem grundsätzlichen Dilemma. Einerseits sollen strategisch wichtige Industrien wieder auf den Kontinent zurückkehren. Andererseits erschweren hohe Energiekosten, Bürokratie und langwierige Genehmigungen genau jene Investitionen, die dafür notwendig wären.
Die 659 Millionen Euro sind deshalb ein wichtiges Signal – mehr aber noch nicht. Subventionen können den Bau neuer Fabriken unterstützen. Einen dauerhaft wettbewerbsfähigen Industriestandort können sie nicht ersetzen.
Ob Europas Chip-Offensive gelingt, entscheidet sich deshalb nicht an einer einzelnen Förderentscheidung. Entscheidend wird sein, ob es Europa gelingt, wieder ein Umfeld zu schaffen, in dem Unternehmen dauerhaft investieren, entwickeln und produzieren wollen.
