Während das politische Berlin weiterhin von der Vorreiterrolle bei der grünen Transformation spricht, wird die Rechnung für den Umbau des deutschen Stromsystems immer deutlicher. Milliardenkosten für Netzengpässe, ein gewaltiger Ausbaubedarf bei den Stromnetzen und international hohe Energiekosten belasten den Industriestandort. 2026 muss der Bund bereits 6,5 Milliarden Euro zuschießen, um allein die Übertragungsnetzentgelte zu dämpfen.
Für die eng mit Deutschland verflochtene österreichische Wirtschaft ist das keine Angelegenheit des Nachbarn. Wenn Deutschlands industrielle Basis schwächelt, spüren das Oberösterreich, die Steiermark und andere Industrieregionen unmittelbar.
Drei Milliarden gegen den Netzengpass
Der massive Ausbau wetterabhängiger Stromerzeugung stellt das deutsche Netz vor enorme Herausforderungen. Windstrom wird zu einem erheblichen Teil im Norden produziert, während große Verbrauchs- und Industriezentren im Westen und Süden liegen. Die dafür vorgesehenen großen Nord-Süd-Verbindungen befinden sich im Ausbau, kommen aber nach jahrelangen Verzögerungen erst schrittweise voran.
Bis dahin müssen Netzbetreiber immer wieder in die Stromerzeugung eingreifen: Kraftwerke werden hoch- oder heruntergefahren, erneuerbare Anlagen abgeregelt und Reserven aktiviert.
Allein für 2025 bezifferte die Bundesnetzagentur die geplanten Kosten für Redispatch und andere Engpassmaßnahmen einschließlich Reservekraftwerken auf rund 3,06 Milliarden Euro.
Das Problem ist längst so groß, dass die Bundesnetzagentur selbst die Systematik der Netzentgelte grundlegend reformieren will.
Der Steuerzahler dämpft die Stromrechnung
Die Bundesregierung hat auf die Belastung reagiert. Seit Anfang 2026 bezuschusst der Bund die Übertragungsnetzkosten mit 6,5 Milliarden Euro. Zusätzlich bleibt die Stromsteuer für rund 600.000 produzierende Unternehmen sowie land- und forstwirtschaftliche Betriebe auf dem europäischen Mindestniveau.
Damit sinkt die unmittelbare Belastung durch Netzentgelte.
Doch die Kosten verschwinden dadurch nicht. Sie werden teilweise vom Stromkunden zum Steuerzahler verschoben.
Genau darin zeigt sich das strukturelle Problem: Ein Stromsystem, dessen Umbau immer höhere Investitionen in Netze, Speicher, Reservekapazitäten und Engpassmanagement verlangt, wird nicht dadurch billiger, dass ein Teil seiner Kosten aus dem Bundeshaushalt bezahlt wird.
Industrie unter Druck
Für Deutschlands Industrie kommen diese Belastungen zur Unzeit. Chemie, Metallverarbeitung, Papierindustrie, Maschinenbau und Automobilzulieferer stehen ohnehin unter erheblichem internationalen Wettbewerbsdruck.
Energie ist dabei nicht der einzige Standortfaktor. Arbeitskosten, Bürokratie, Steuern, schwache Nachfrage und Konkurrenz aus China spielen ebenfalls eine Rolle. Doch gerade für energieintensive Unternehmen können Strom- und Gaspreise darüber entscheiden, wo die nächste Anlage gebaut und wo die nächste Investition getätigt wird.
Subventionen können diesen Nachteil zeitweise abfedern. Sie beseitigen ihn nicht.
Eine Wirtschaftspolitik, die Unternehmen dauerhaft nur durch immer neue Entlastungspakete international wettbewerbsfähig halten kann, sollte deshalb weniger über die Höhe der nächsten Förderung diskutieren als über die Ursachen der hohen Kosten.
Wenn Deutschland hustet, bekommt Österreich Fieber
Für Österreich ist die deutsche Industrieschwäche besonders gefährlich. Deutschland war auch 2025 mit Abstand der wichtigste Handelspartner der Republik. Rund 30 Prozent der österreichischen Exporte gingen dorthin, knapp ein Drittel der Importe kam aus Deutschland.
Besonders eng sind die industriellen Lieferketten miteinander verflochten. Maschinen, Fahrzeuge und industrielle Vorprodukte gehören zu den wichtigsten Handelsgütern. In Oberösterreich gingen im ersten Halbjahr 2025 sogar mehr als 37 Prozent aller Warenexporte nach Deutschland.
Wenn deutsche Automobilhersteller weniger produzieren, Maschinenbauer Investitionen verschieben oder Chemiekonzerne Kapazitäten zurückfahren, endet die Wirkung deshalb nicht an der Grenze bei Passau.
Sie trifft österreichische Zulieferer unmittelbar.
Die Energiewende muss sich an der Wirklichkeit messen lassen
Deutschland verfügt weiterhin über eines der zuverlässigsten Stromsysteme Europas. Von einem „Netzkollaps“ kann keine Rede sein.
Doch Zuverlässigkeit hat einen Preis. Milliarden für Engpassmanagement, gewaltige Investitionen in neue Leitungen und staatliche Zuschüsse zu den Netzentgelten zeigen, dass die Transformation erheblich teurer und komplexer ist, als politische Sonntagsreden vermuten lassen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland seine Energieversorgung umbauen kann. Es kann.
Die Frage lautet, ob es diesen Umbau so gestaltet, dass am Ende noch jene Industrie vorhanden ist, die ihn bezahlen soll.
Für Österreich sollte das Warnung genug sein. Wer seine wirtschaftliche Basis erhalten will, muss Energiepolitik nicht an Absichtserklärungen, sondern an drei nüchternen Kriterien messen: Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit.
Denn eine Energiewende, die am Ende die industrielle Basis beschädigt, hat ihr Ziel verfehlt.
