„In Russland sind die traditionellen Werte viel stärker verankert“

Der russische Politikwissenschafter und Historiker Dr. Alexander Kamkin über die Stimmung in Russland und konservatives Denken in seinem Heimatland.

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Bild: CCNull/Tim Reckmann Lizenz: CC BY 2.0


Herr Dr. Kamkin, wie ist die Stimmung in Russland in Bezug auf den Krieg in der Ukraine und gegenüber der EU?
Alexander Kamkin: Die Frage ist sehr komplex. Nach über vier Jahren des Krieges kann man schon bestimmte Trends feststellen. Die Gesellschaft in Russland war nie homogen, viele sozialen Krankheiten wie Egoismus, Atomisierung der Gesellschaft und der Familie usw. waren auch in Russland präsent, insbesondere unter den prowestlichen Intellektuellen in Großstädten. Aber grundsätzlich kann man die gesellschaftlichen Stimmungen in vier Kategorien einordnen – die kämpfende Gesellschaft, die abwartende Gesellschaft, die gleichgültige Gesellschaft und die ausgereiste Gesellschaft.
Zur ersten Gruppe zählen die Militärs, Freiwilligen, Zivilisten, die humanitäre Hilfe an die Frontlinie sowie für die Bevölkerung in den benachbarten Regionen bringen. Trotz der radikal besseren Versorgung der Armee gibt es manchmal Notwendigkeit z.B. Winterhilfe zu leisten oder einfach Süßigkeiten oder Medizin für die Soldaten zu bringen. Viele Familien sind vom Krieg betroffen. In einer ist Vater oder Ehemann einberufen oder hat sich freiwillig gemeldet. Das vereint die Leute, sie gründen inoffizielle Initiativen. Oft fahren sie an die Frontlinie mit eigenen oder gemieteten Autos, um den Zivilisten und Soldaten Geschenke direkt in die Hände zu übergeben. An vielen Hochschulen sammeln Studenten und Professoren solche Pakete und schicken an die Front. Das stärkt den Geist der Soldaten unheimlich, denn sie sehen, dass das Volk und die Armee zusammenstehen.
Die zweite Gruppe besteht meistens aus den Personen die direkt vom Krieg nicht betroffen wurden. Sie verstehen schon, wofür der russische Soldat kämpft, sind aber intensiv nicht involviert. Ab und zu spenden sie Geldsummen für die oben erwähnten Bürgerinitiativen oder für offizielle Stiftungen. Aber mental existieren sie in einer Friedenssituation, ihr leben hat sich kaum verändert.
Zur dritten Kategorie zählen meistens Subjekte, die in normaler Gesellschaft eigentlich zum Abschaum der Gesellschaft gehören sollen. Es geht nicht um die Lumpen oder Obdachlosen. Es geht mehr um Promis, die im Grunde genommen geistige Tiefflieger sind. Lange Jahre haben sie die westliche Antikultur buchstäblich kopiert und dadurch eigene Identität verloren. Sie existieren im Facebook, Instagram und zählen zur russischen Gesellschaft eigentlich nur durch Bürgerschaft. Viele von ihnen wissen wohl nicht, dass einige hunderte Kilometer russische Soldaten gegen ukrainische Nazis und NATO-Truppen kämpfen, dass jeden Tag unter ukrainischem Beschuss Kinder und Frauen sterben.
Die allerschlimmste Gruppe ist in diesem Zusammenhang die vierte. Dazu zählen die Personen, die bewusst ihre Heimat nach dem Kriegsbeginn verlassen haben. Manche von ihnen haben bereits vorher in Europa oder Abu Dhabi gelebt, nach 2022 kamen ein paar hunderttausend sogenannten Heimathasser, die meisten auf dem Balkan, in Georgien (kein Visum nötig) oder auch in der EU ansässig sind. Sie werden intensiv für verschiedene Initiativen vom geflüchteten russischen Oligarchen Michail Hodorkovskij geworben. Manche von ihnen arbeiten für westliche Medien und wurden zum Werkzeug der antirussischen Propaganda – z.B. Ekaterina Schulman, die jetzt bei „Bild“ tätig ist.
Nach meinen Bewertungen stellen die ersten zwei Gruppen über 70 Prozent der russischen Bevölkerung, wobei die vierte Gruppe einige hunderttausend Personen zählt. Zugleich sind ihre Vertreter extrem intensiv in Medien und sozialen Netzwerken aktiv.

Dr. Alexander Kamkin ist Politikwissenschafter und Historiker

Wie präsent im kollektiven Gedächtnis sind negative Erfahrungen wie etwa der Ausverkauf Russlands unter Präsident Jelzin?
Kamkin: Die schrecklichen 1990er sind tatsächlich ein soziales Trauma für die russische Gesellschaft. Tausende getötete Unternehmer, ausgeplündertes Volkseigentum, verlorene außenpolitischen Positionen – die Folgen der Jahre sind bis jetzt nicht vollständig überwunden. Der Krieg – besser gesagt, Bürgerkrieg – in der Ukraine ist auch eine direkte Schlussfolgerung der damaligen Situation. Die Regierung von Boris Jelzin hat die Situation im Ex-Sowjetraum völlig vernachlässigt.
Viele Leute in Russland unterstützen die Politik von Wladimir Putin in erster Linie, weil er die schrecklichen 1990er irgendwie gestoppt hat. Natürlich war in den letzten 25 Jahren nicht alles optimal, die Renten bleiben zum Beispiel sehr niedrig, aber Millionen Menschen haben Impulse und Möglichkeiten für Selbstentfaltung erhalten. Aber wiederum, es gibt noch viel zu tun, um alle negativen Folgen jener Zeit komplett zu beseitigen. In erster Linie sollen die Initiatoren des Verkaufs Russlands vor Gericht.

Viele Leute unterstützen Putins ­Politik, weil er die schrecklichen 1990er Jahre irgendwie gestoppt hat.

Warum haben in Russland Werte wie Familie eine große Bedeutung, während im Westen – damit auch in der EU und in Österreich – der LGBTIQ-Kult immer mehr um sich greift?
Kamkin: Der helle Wahn des Westens mit diesen amoralen „Werten“, die Schwulenperformance bei der Olympiade in Paris oder die Erlaubnis des Bischofs in Bayern, Homosexuelle zu segnen usw. ist eine teuflische Erscheinung, ein Zeichen des Untergangs des Abendlandes.  In Russland sind traditionelle Werte wie Familie, Freundschaft, Volkssolidarität, Religion viel stärker, obwohl auch in Europa viele konservative und religiöse Menschen leben, wie in Polen, Ungarn oder auch Österreich. Aber das Diktat der Lügenpresse und der linken politischen Klasse, die durch die Ideen der Frankfurter Schule und Leo Strauss komplett verseucht ist, ist sehr stark. Konservative Aktivisten in Europa sind kaum zu hören. Sie werden totgeschwiegen, beängstigt, ihre Kinder werden entnommen, Bankkonti werden gesperrt. Deshalb wandern immer mehr Europäer nach Russland aus. Sie wollen dort eine bessere Welt finden.
In Russland ist konservatives Denken und Handeln nicht begrenzt, traditionelle Beziehungen zwischen den Menschen sind am meisten verbreitet. Dabei hat man keine Scheiterhaufen der Inquisition für Andersdenkende, obwohl manche westlichen Medien und ausgereiste russischen Liberalen so was behaupten.

Welche Rolle spielt die Russisch-orthodoxe Kirche als Anker der Orientierung sowohl für die Bürger als auch für die Politik?
Kamkin: Heute spielt die Russisch-orthodoxe Kirche eine steigende Rolle als Bollwerk gegen den Aufmarsch des Antichristen und seiner Ideologie. In Sowjetzeit waren alle Religionen in Russland unterdrückt und später, schon unter Stalin eher als provisorische Partner angesehen. Jetzt ist die Kirche einer der wichtigen moralischen Instanzen, die auch die Volkstraditionen hütet. In vielen Gemeinden lernen die Kinder Volkskunst, heimische Traditionen und Volkslieder. Die Kirche ist ein Anker der Tradition. Und da besteht ihre Stärke.

Das Gespräch führte Bernhard Tomaschitz.

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