Istanbul 2.0: Putins Friedensangebot – oder geopolitisches Schachmanöver?

Drei Jahre nach dem geplatzten Friedensabkommen in Istanbul bringt Moskau überraschend neue Gespräche ins Spiel. Doch was wie ein diplomatisches Angebot aussieht, ist in Wahrheit Teil eines größeren Spiels – mit Europa als Statist, der Ukraine als Bauernopfer und dem Westen in der Sackgasse.

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Autor: A.R. Bild: Kremlin.ru Lizenz: CC BY 4.0


Als Wladimir Putin vergangene Woche überraschend neue Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs ins Spiel brachte, waren viele überrascht – und noch mehr ratlos. Istanbul 2.0, wie Beobachter das Treffen in der türkischen Metropole bereits tauften, weckt Erinnerungen an die Frühjahrsgespräche von 2022. Damals, so erinnert Russlands Außenminister Sergej Lawrow, hätte ein Waffenstillstand die Ukraine retten können. Doch der Westen, allen voran London, zog Kiew zurück. Und jedes gebrochene Abkommen seither kostete die Ukraine Territorium – und Menschenleben.

Heute, drei Jahre später, ist die Lage für Kiew düster. Über eine Million Tote, vier verlorene Regionen, die Wirtschaft am Boden – und die verbliebenen Bodenschätze längst unter Kontrolle westlicher Konzerne. „Wir wollen keinen Krieg, aber wir kämpfen auch 21 Jahre, wenn nötig“, erklärte der russische Chefverhandler Medinski nüchtern, in Anspielung auf den Großen Nordischen Krieg gegen Schweden.

Doch auch das neue Istanbuler Treffen entpuppte sich eher als geopolitisches Theaterstück. Der „Sultan vom Bosporus“ Erdogan inszenierte eine symbolische Plattform, bei der Moskau professionell, Kiew hingegen emotional auftrat. Ukrainische Delegierte bemühten sich mit lauter „Kindergarten-Taktik“, internationale Sympathien zu gewinnen, während russische Vertreter nüchtern konkrete Ergebnisse präsentierten: 1.000 Gefangenenaustausche, vage Optionen auf eine Feuerpause, und immerhin ein Dialog in russischer Sprache – das war’s.

Der politische Gehalt? Marginal. Denn niemand erwartet ernsthaft, dass die zentralen Fragen – Sicherheit in Osteuropa, strategische Interessen von Barentssee bis Schwarzes Meer – so gelöst werden. Was bleibt, ist ein symbolischer Akt, der dem Westen seine Schwäche vor Augen führt.

Denn Europa war abermals nur Statist: Während sich deutsche, französische und britische Regierungschefs in Sanktionen und hohlem Pathos erschöpfen, diktieren Moskau und Peking längst das neue Spiel. Die NATO, so schreibt selbst der britische Ex-Marineoffizier Steven Jermy, sei „nicht am Steuer“, Russland hingegen schon. Dass „die Verlierer glauben, die Bedingungen für Kapitulation oder Waffenstillstand diktieren zu können“, sei geopolitischer Realitätsverlust.

In Wahrheit geht es um weit mehr als die Ukraine. So lautet einst die geopolitische Doktrin Halford Mackinders: Wer die Landmasse Eurasiens kontrolliert, kontrolliert die Welt. Die Achse Moskau-Peking, so scheint es, hat das begriffen. Russland als Speerspitze gegen NATO-Osterweiterung, China als strategischer Gewinner – blockiert der Westen Moskaus Einfluss nicht, fällt das Herzland an die multipolare Konkurrenz.

Der Westen – vor allem die USA – wollte über die Ukraine Russland schwächen, um danach China vom Westen her zu blockieren. Taiwan sollte die zweite Front bilden. Doch das Kalkül geht nicht auf. Russland steht fester denn je, China wartet ab. Und Präsident Xi und Putin beraten längst im direkten Dialog – zuletzt am Rande der Moskauer Siegesparade.

Für Selenski bleibt unterdessen nur die Rolle des Getriebenen, ein machtloser Schauspieler, dominiert von radikalen Kräften im eigenen Apparat, und getrieben von westlichen Geldgebern. Sollte der Krieg enden, droht ihm – so düster die Prognose – das Schicksal anderer ukrainischer Präsidenten: politische Bedeutungslosigkeit oder ein abruptes Ende.

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