In Jerusalem steht die politische Uhr auf Sturm. Ein Gesetzesentwurf zur Auflösung der Knesset droht Premierminister Netanjahu die Macht zu kosten. Der Vorstoß kommt ausgerechnet aus seiner eigenen Koalition – von den ultraorthodoxen Parteien, die wegen der anstehenden Wehrpflicht für ihre yeshiva-studierenden Anhänger in Aufruhr sind. Nach Jahrzehnten der Ausnahme soll nun das Prinzip Gleichheit vor dem Wehrgesetz gelten. Ein kulturpolitischer Sprengsatz, der Israel erneut an den Rand einer Neuwahl rückt.
Doch bevor sich das demokratische Räderwerk in Bewegung setzen kann, greift ein ausländischer Akteur ein: US-Botschafter Mike Huckabee. Der evangelikale Ex-Gouverneur, eng verbandelt mit Israels nationalreligiösem Lager, führt persönliche Gespräche mit führenden Haredi-Politikern. Sein Ziel: die drohende Abspaltung der Ultraorthodoxen zu verhindern – und Netanjahu im Amt zu halten.
Die Argumentation des US-Diplomaten liest sich wie ein geopolitisches Dossier mit religiösem Unterton. Huckabee warnt laut israelischen Medien vor Instabilität im Angesicht der Iran-Krise und betont, dass Washington Israel während einer Wahlphase nicht vollumfänglich unterstützen könne. Eine indirekte Drohung? Eine freundliche Mahnung? Oder schlicht ein massiver Verstoß gegen diplomatische Zurückhaltung?
Israels Oppositionsführer Yair Lapid jedenfalls reagiert alarmiert – wenngleich diplomatisch. Er hoffe, dass die Berichte über Huckabees Einmischung falsch seien. Denn, so Lapid trocken: „Israel ist kein Protektorat.“
Der Vorwurf wiegt schwer. Eine Demokratie, in der ein ausländischer Vertreter aktiv Regierungsstürze verhindert, verliert an politischer Autonomie – zumindest im öffentlichen Bild. Besonders pikant ist die religiöse Dimension: Huckabee, erklärter Gegner der Zwei-Staaten-Lösung und glühender Unterstützer jüdischer Siedlungen im Westjordanland, sieht in Israels Landbesitz ein „gottgegebenes Eigentumsrecht“. Dass er nun als außenpolitischer Strippenzieher auftritt, ist Teil eines größeren Musters: Die Vermischung evangelikaler Endzeitvisionen mit Israels strategischer Ausrichtung.
Netanjahu selbst lässt die Intervention geschehen – und zeigt sich laut Berichten „zufrieden“. Dabei steht fest: Ohne die 18 Mandate der zwei ultraorthodoxen Fraktionen fällt seine Koalition. Der Widerstand der Haredim ist nicht nur taktisch, sondern existenziell. 54.000 junge Männer sollen ab Juli eingezogen werden – ein Bruch mit Jahrzehnten religiöser Sonderbehandlung. Die Spannung zwischen säkularem Staat und religiösem Einfluss spitzt sich zu.
