„Der Tourismus funktioniert trotz dieser Regierung“

Christoph Steiner (FPÖ), Obmann des Tourismusausschusses des Nationalrats, über Situation und Probleme der heimischen Fremdenverkehrswirtschaft.

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Herr Steiner, wie sehen Sie als Obmann des Tourismusausschusses des Nationalrats die Lage des heimischen Tourismus? Ist alles in Ordnung?
Christoph Steiner: Der heimische Tourismus funktioniert! Das war es dann aber leider auch schon wieder mit einem vermeintlich positiven Einstieg, denn er funktioniert trotz dieser und der geschiedenen Regierung und nicht wegen dieser Regierung. Dabei ist doch der Tourismus jener Bereich der österreichischen Wirtschaft, der als einziger eben NOCH funktioniert, weshalb ich es für mehr als nur fahrlässig halte, ihn kontinuierlich in der innenpolitischen Debatte schleifen zu lassen.

Christoph Steiner ist Obmann des Tourismusausschusses des Nationalrats (Bild: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner)

Wo sehen Sie das Hauptproblem im heimischen Tourismus?
Steiner: Im Grunde muss man nur darauf hören, auf was die Branche seit geraumer Zeit aufmerksam macht. Ich bin in meiner Heimat (Tirol, Anm.) naheliegenderweise in einem sehr engen Kontakt mit vielen Touristikern. Es ergibt sich in Bezug auf die unmittelbaren Probleme immer ein sehr ähnliches Bild. Die Stichworte lauten: Fachkräftemangel, Bürokratiewahnsinn, Abschreibungen und Investitionen oder Individualverkehr. Zumindest vier dieser fünf Punkte könnten auch direkt gelöst werden. Versprochen wurde von der ÖVP in den letzten Jahren dahingehend viel, gehalten wurde kaum etwas. Das liegt traurigerweise an einem leicht durchschaubaren Kalkül: Die angebliche Wirtschaftspartei konzentriert sich auf die Industrie, die leicht mit der Abwanderung drohen kann, während die familiengeführten kleinen und mittleren Tourismusbetriebe standortgebunden sind und damit auf die Lösung ihrer Forderungen bzw. Probleme bestenfalls warten und hoffen dürfen.

Im Sommer herrscht etwa in der Salzburger Getreidegasse großes Gedränge, und Hallstatt leidet geradezu an einer Invasion von Touristen. Wird langsam, aber doch, auch für österreichische Urlaubsorte der „Overtourism“, also der Übertourismus, zu einem veritablen Problem?
Steiner: Man muss hier schon unterscheiden und ich möchte das gerne ganz offen und ehrlich beantworten. Jeder, der in einem Tourismusgebiet lebt, ist manchmal genervt durch Staus, Baustellen etc. Was jedoch überwiegt, ist das, was uns der Tourismus bringt. Das hört ja nicht beim ausgebuchten Hotelier oder Wirten auf, sondern setzt sich fort – über die Handwerker, Geschäftsbetreiber, Angestellten und alle, die im übertragenen Sinn vom Tourismus profitieren. Genau dann greift ein Rad in das andere. Was jedoch unerwünscht ist, ist das vielzitierte „Durchkarren“ von z. B. Tagestouristen, wobei Gäste dann nicht einmal die örtliche Infrastruktur in Anspruch nehmen. Das muss gegebenenfalls reguliert werden und sollte immer in einem überschaubaren und nachvollziehbaren Verhältnis stehen. Wir wünschen uns im Tourismus Qualität und dadurch zufriedene Gäste.

Wie könnte ein tragbarer Kompromiss aussehen, der die Interessen der Tourismuswirtschaft und die Interessen der Einheimischen gleichermaßen berücksichtigt?
Steiner: Einen Punkt habe ich in der letzten Frage schon beantwortet. Ein anderer Punkt wäre noch jener der Verbauung oder der Kapazitäten. Leider wissen wir alle, dass es gerade in kleineren Gemeinden dahingehend oftmals zu einem Interessenskonflikt kommt. Mein Lösungsansatz wäre deshalb jener, dass man der Bezirkshauptmannschaft z. B. die Bauordnung der ersten Instanz übertragen sollte, so könnte eine neutralere und unbefangene Grundlage geschaffen werden, die beide Interessen im Blick hat.

Overtourism wird dann zum Problem, wenn Tagestouristen kommen, aber nichts hinterlassen.

In Wien verkommen manche Viertel regelrecht, und verschiedene Bauprojekte – Stichwort: Hochhaus am Heumarkt – verschandeln das Stadtbild und gefährden das UNESCO-Weltkulturerbe. Könnte das negative Auswirkungen auf den Tourismus haben, wenn sich diese Entwicklung fortsetzen sollte?
Steiner: Das könnte es in der Tat. Hochhäuser von mir aus ja, aber bitte nicht am Heumarkt oder generell im historischen Stadtkern. Wir haben in vielen Regionen in Österreich übrigens ein massives Problem, was die Sensibilität in der Raumordnung betrifft – ein heißes Thema, das auch endlich angesprochen werden muss. Das betrifft im Übrigen auch die Zersiedelung am Land.
Die Architektur und die Raumordnung sind unmittelbarer Ausdruck von Kultur und Zivilisation. Es gilt deshalb ganz klar, den Charme unserer Städte, der ja auch die Touristen anzieht, nicht aufs Spiel zu setzen für irgendwelche Selbstverwirklichungsprojekte. Der Titel UNESCO-Weltkulturerbe ist das eine, der natürliche Sinn für Schönheit und Stimmigkeit eigentlich etwas, das selbstverständlich sein sollte, um unsere Städte optisch so zu bewahren, wie unsere Touristen und wir selbst sie lieben.

Viele ausländische Touristen, vor allem aus Übersee, verbinden mit Österreich nicht viel mehr als Mozart und Schuhplattlern. Wie authentisch ist eigentlich die touristische Darstellung der österreichischen Kultur und Tradition – wird sie kommerzialisiert oder sogar verzerrt?
Steiner: Genau eines muss Kultur und Tradition sein und bleiben: wirklich authentisch! Genau da ist unser Ansatz der richtige: Kultur und Tradition muss gelebt werden, dort, wo sie ihre lokale Bedeutung hat. Wenn sie nämlich weitergegeben und gelebt wird, wie wir sie übernommen haben, geht das wirkliche Gespür dafür damit einher, was einer Verkitschung und Kommerzialisierung automatisch vorbeugt.
Präsentieren wir unsere Kultur also auf eine natürliche Art und Weise und machen wir uns vor allem nicht immer so ein bisschen selbst darüber lustig, dann wird sie auch ernsthaft und authentisch bis über den Atlantik aufgefasst werden.

Unsere Kultur wirkt nur dann authentisch, wenn sie ehrlich gelebt und nicht bloß inszeniert wird.

Die Tourismusbranche klagt darüber, dass es schwierig sei, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Besteht hier Handlungsbedarf?
Steiner: Das ist ein reales Problem, was unserer Meinung nach nicht auf Dauer mit einer Erhöhung der Kontingente kompensiert werden kann. Wir sollten darauf hinarbeiten, dass Österreich für unsere eigenen, im Land ausgebildeten Kräfte attraktiver ist als die Arbeit im Ausland – das beginnt schon bei den Praktika. Österreich ist mehr als vielfältig mit den verschiedenen Sparten, die unser Tourismus zu bieten hat. Bis auf den Strandurlaub am Meer deckt Österreich wirklich alles ab.
Andererseits beginnt das Problem aber schon bei der Familienpolitik – etwas, das sich die anderen nicht anzusprechen trauen. Wenn wir eine ordentliche Familienpolitik sicherstellen, die auch wieder ein Leben mit mehr als 1–2 Kindern leistbar macht, wäre dieses Problem auf Dauer logischerweise gelöst.

Für Kellner ist das Trinkgeld ein nicht unbedeutender Teil ihres Gehalts. Nun will Finanzminister Marterbauer das Trinkgeld sozialversicherungspflichtig machen. Sollen angesichts des ausufernden Budgetdefizits neue Einnahmequellen erschlossen werden?
Steiner: Das ist einfach nur unfair, jetzt das selbst verursachte Budgetdesaster damit stopfen zu wollen. Ich habe mich für die Abgabenfreiheit auf Trinkgeld zu 100 Prozent seit Beginn der Debatte auch vielfach auf den eigenen Kanälen wie auch öffentlich in den Medien zu Wort gemeldet, wie einige vielleicht mitverfolgt haben. Mich hat es eigentlich gleich nach der Präsentation des Regierungsprogramms schon stutzig gemacht, als ich gelesen habe, dass sie diesbezüglich „evaluieren“ wollen, was sich ja kurz danach eben bewahrheitet hat.
Unter dem Motto „Finger weg vom Trinkgeld!“ habe ich daraufhin nachdrücklich auf dieses Anliegen der Gastronomen, aber auch der Angestellten im Dienstleistungssektor aufmerksam gemacht. Mein bzw. unser gleichlautender Antrag wurde im Nationalrat von allen anderen Parteien leider abgelehnt. Jedenfalls ist das Thema noch lange nicht vom Tisch – demnach schon gar nicht für uns.

Das Gespräch führte Bernhard Tomaschitz.

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