Gender Pay Gap beim ORF: Die Moralprediger und ihre eigene Gehaltsschere

Wenn es um die angebliche Benachteiligung von Frauen beim Einkommen geht, kennt der ORF kein Pardon. Jahr für Jahr wird der Equal Pay Day zum Anlass für moralische Belehrungen genommen. Doch ein Blick auf die Gehaltslisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks offenbart Erstaunliches: Ausgerechnet beim ORF selbst ist die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen beträchtlich. Und plötzlich gelten jene Erklärungen, die anderswo gerne als Ausreden abgetan werden.

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Gender Pay Gap beim ORF – deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den oberen Gehaltsklassen laut ORF-Transparenzbericht 2025.

Autor: W-R. M. Bild: PxHere Lizenz: –


„Equal Pay Day: Frauen arbeiten unbezahlt“, titelte die Zeit im Bild am 2. November. Drei Tage später folgten „Equal Pay Day: Frauen verdienen weiterhin weniger“, „Equal Pay Day: Die Gehaltsschere bleibt groß“ und auf ORF.at „Einkommensschere öffnet sich gen Westen“. Auch Ö3 beteiligte sich an der alljährlichen Empörungsroutine: Frauen müssten ganze 57 Tage im Jahr quasi gratis arbeiten. Der Tenor war unmissverständlich: Österreich hat ein Problem, die Frauen werden benachteiligt, und endlich müsse etwas geschehen.

15,5 Prozent beträgt der österreichweite Einkommensunterschied zwischen ganzjährig vollzeitbeschäftigten Männern und Frauen. Ein Wert, der in der Berichterstattung regelmäßig zum Gradmesser gesellschaftlicher Ungerechtigkeit erhoben wird. Dass solche Durchschnittswerte zunächst einmal unterschiedliche berufliche Positionen, Branchen, Dienstalter und Erwerbsbiografien abbilden und keineswegs automatisch eine schlechtere Bezahlung für dieselbe Arbeit beweisen, geht in der moralischen Aufladung leicht unter.

Und plötzlich trifft es den ORF selbst

Doch nun kommt die Pointe. Denn ausgerechnet der öffentlich-rechtliche Tugendwächter hat mit seiner eigenen Gehaltsschere einiges zu erklären. Laut dem ORF-Gleichstellungsplan 2024–2025 betrug der Gender Pay Gap im Unternehmen Ende 2023 immerhin 11,5 Prozent. In der Technischen Direktion waren es sogar 19,4 Prozent, im Landesstudio Niederösterreich bemerkenswerte 24,1 Prozent. Zahlen, die der ORF selbst schwarz auf weiß veröffentlicht hat.

Noch aufschlussreicher ist der jüngste Transparenzbericht mit den Gehaltsdaten für das Jahr 2025. Dort zeigt sich, wie unterschiedlich die Geschlechter in den einzelnen Einkommensgruppen vertreten sind:

Jahresbruttogehalt Frauen Männer
Bis 50.000 Euro 367 161
50.000–75.000 Euro 514 425
75.000–100.000 Euro 444 569
100.000–150.000 Euro 224 527
150.000–200.000 Euro 20 63
200.000–300.000 Euro 9 21
Über 300.000 Euro 0 4

Insgesamt machen Frauen 47,1 Prozent der hier erfassten Beschäftigten aus. Unter den Beschäftigten mit mehr als 100.000 Euro Jahresbruttogehalt liegt ihr Anteil dagegen nur bei 28,6 Prozent.

Quelle: ORF-Transparenzbericht 2025, Seite 6. Die Werte bezeichnen die ausgewiesenen Jahresbruttobezüge und sind nicht auf Vollzeitäquivalente bereinigt.

Die Verteilung spricht eine deutliche Sprache: In den beiden niedrigsten Gehaltsklassen sind Frauen in der Mehrheit. Bereits oberhalb von 75.000 Euro kehrt sich das Verhältnis um. Zwischen 100.000 und 150.000 Euro stehen 224 Frauen nicht weniger als 527 Männern gegenüber. Bei den Einkommen über 150.000 Euro entfallen von insgesamt 117 Beschäftigten nur 29 auf Frauen, aber 88 auf Männer. Und in der allerhöchsten Gehaltsklasse von über 300.000 Euro? Vier Männer, keine einzige Frau.

Mit anderen Worten: Während der ORF seinen Zusehern erklärt, wie problematisch die Einkommensschere in Österreich sei, weist sein eigener Transparenzbericht eine ausgeprägte männliche Dominanz in den oberen Gehaltsklassen aus.

Wenn die eigenen Argumente plötzlich vernünftig sind

Besonders bemerkenswert wird die Angelegenheit allerdings bei den Erklärungsversuchen des ORF. Denn hier bedient man sich exakt jener Argumente, die Kritiker einer pauschalen Interpretation des Gender Pay Gaps seit Jahren ins Treffen führen.

Frauen seien im ORF durchschnittlich um mehr als 3,4 Jahre jünger als ihre männlichen Kollegen, heißt es im Gleichstellungsplan. Außerdem seien Frauen häufiger in neueren Kollektivverträgen beschäftigt, während ältere Verträge höhere Gehaltsansprüche aufgrund längerer Betriebszugehörigkeit vorsehen. Schließlich seien Frauen in den höheren Verwendungsgruppen und beim Bezug entsprechender Mehrdienstpauschalen unterrepräsentiert.

Man lese und staune! Dienstalter, unterschiedliche Verträge, berufliche Positionen und individuelle Erwerbsbiografien erklären also Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Wer hätte das gedacht?

Es sind genau jene Faktoren, auf die Kritiker der alljährlichen Equal-Pay-Day-Inszenierung regelmäßig hinweisen. Nicht jeder statistische Gehaltsunterschied ist automatisch das Ergebnis von Diskriminierung. Unterschiedliche Tätigkeiten, Hierarchiestufen, Qualifikationen und Dienstjahre beeinflussen selbstverständlich auch das Einkommen.

Beim ORF scheint man das durchaus zu wissen. Zumindest dann, wenn es um die eigene Gehaltsabrechnung geht.

Gleichstellung predigen, Unterschiede erklären

Was für den ORF gilt, muss auch für den Rest Österreichs gelten. Wer durchschnittliche Einkommensunterschiede öffentlichkeitswirksam als gesellschaftlichen Missstand inszeniert, sollte dieselbe statistische Sorgfalt walten lassen, die er bei der Erklärung der eigenen Gehaltsunterschiede für selbstverständlich hält.

Der ORF macht mit seiner eigenen Personalstruktur anschaulich, warum ein unbereinigter Gender Pay Gap allein noch keinen Nachweis für Lohndiskriminierung darstellt. Ob Frauen in vergleichbaren Positionen tatsächlich schlechter bezahlt werden, lässt sich erst nach Berücksichtigung der maßgeblichen Einflussfaktoren beurteilen.

Vielleicht wäre das auch eine Erkenntnis, die man den Österreichern am nächsten Equal Pay Day einmal ohne erhobenen Zeigefinger vermitteln könnte.

Denn beim ORF scheint eine einfache Regel zu gelten: Was bei anderen ein Skandal ist, lässt sich im eigenen Haus plötzlich ganz sachlich erklären.

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