Anthropic nach Europa

Prölls später Weckruf für Österreichs KI-Standort

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Autor: R.T. Bild: Mohamed Hassan form PxHere Lizenz: –


Österreich will den amerikanischen KI-Konzern Anthropic stärker in Europa verankern. Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll fordert eine „strategische Ansiedlung und Beteiligung“ des Unternehmens innerhalb der EU. Der Vorstoß ist grundsätzlich richtig. Er ist aber auch ein spätes Eingeständnis: Österreich und Europa haben den Aufbau eigener KI-Konzerne verschlafen und sind heute von einem kleinen Kreis amerikanischer Technologieriesen abhängig.

Ein Brief ersetzt keine Technologiepolitik

Auslöser der Initiative sind neue Vorgaben aus Washington. Die US-Regierung untersagte Anthropic, ausländischen Staatsbürgern Zugriff auf die besonders leistungsfähigen Modelle Fable 5 und Mythos 5 zu gewähren. Weil das Unternehmen die Staatsangehörigkeit seiner Nutzer technisch nicht zuverlässig überprüfen konnte, musste es den Zugang zunächst umfassend sperren.

Eine politische Entscheidung in Washington genügte damit, um europäische Entwickler und Unternehmen von wichtiger Spitzentechnologie abzuschneiden.

Pröll bietet Anthropic nun Rechtssicherheit, Kapital und Zugang zum europäischen Markt an. Wie die Ansiedlung konkret aussehen soll, bleibt offen. Es gibt weder einen Standort noch eine Investitionssumme oder eine Zusage des Unternehmens.
Der Brief ist daher noch keine Strategie. Und ausgerechnet die ÖVP kann nicht so tun, als sei Österreichs technologische Rückständigkeit plötzlich vom Himmel gefallen.

Abgesehen von der Übergangsregierung Bierlein war die Volkspartei seit 1987 an jeder österreichischen Bundesregierung beteiligt. Sie hatte Jahrzehnte Zeit, den Wirtschafts-, Kapital- und Technologiestandort mitzugestalten. Heute wirbt ein ÖVP-Staatssekretär bei einem amerikanischen Milliardenkonzern mit jenen Bedingungen, die heimische Entwickler und Wachstumsunternehmen seit Jahren vermissen: ausreichend Kapital, schnelle Entscheidungen und ein Umfeld, in dem aus einer guten Idee ein internationaler Konzern werden kann.

Österreich ist dabei keineswegs ein technologisches Entwicklungsland. Das Land investiert viel in Forschung, verfügt über gute Universitäten und weist eine steigende KI-Nutzung in Unternehmen auf. Doch genau am entscheidenden Übergang scheitert es regelmäßig: Aus Forschung wird zu selten ein weltweit führendes Unternehmen.
Die OECD beklagt schwache Unternehmensdynamik, hohe Markteintrittshürden und zu wenig privates Wachstums- und Risikokapital. Die EU-Kommission sieht weiterhin Lücken bei Cloud-Technologien, Datenanalyse und digitaler Infrastruktur. Österreich produziert Ideen. Andere Länder skalieren sie.

Kein Monopol – sondern ein amerikanisches Oligopol

Anthropic nach Europa zu holen, würde dieses Grundproblem nicht lösen. Das Unternehmen wäre zwar ein zusätzlicher Anbieter, gehört aber selbst zu einem eng verflochtenen amerikanischen KI-Ökosystem.

Von einem einzelnen Monopol zu sprechen wäre ungenau. OpenAI, Anthropic, Google, Meta und andere Unternehmen konkurrieren miteinander. Hinter diesem Wettbewerb steht jedoch ein Oligopol weniger Konzerne, die gleichzeitig über Cloud-Infrastruktur, Rechenzentren, Chips, Modelle, Kapital und den Zugang zu Milliarden Kunden verfügen.
Kleine Entwickler können ihre Modelle kaum ohne die Infrastruktur dieser Unternehmen trainieren oder im großen Maßstab anbieten. Wer einmal vollständig in einer Cloud- und Modellumgebung arbeitet, kann sie wegen technischer Abhängigkeiten und hoher Wechselkosten nur schwer verlassen.

Selbst Anthropic ist dafür ein Beispiel. Der Konzern hat sich verpflichtet, in den kommenden zehn Jahren mehr als 100 Milliarden Dollar für Technologien von Amazon Web Services auszugeben. Gleichzeitig sicherte er sich zusätzliche Rechenkapazitäten von Google und Broadcom im Umfang mehrerer Gigawatt.

Eine Anthropic-Niederlassung in Wien oder Frankfurt würde daher nicht automatisch europäische Souveränität schaffen. Europa würde lediglich einen weiteren Teil des amerikanischen KI-Komplexes importieren.
Arbeitsplätze und Rechenzentren wären willkommen. Die Kontrolle über Modelle, Infrastruktur und strategische Entscheidungen bliebe dennoch weitgehend in den Vereinigten Staaten.

Steinberger wechselte zu OpenAI

Wie groß Österreichs Problem ist, zeigt Peter Steinberger. Der Oberösterreicher entwickelte mit OpenClaw einen der erfolgreichsten offenen KI-Agenten der vergangenen Monate. Das Projekt erreichte innerhalb kurzer Zeit mehr als 100.000 Sterne auf GitHub und zog weltweit Aufmerksamkeit auf sich.

Im Februar wechselte Steinberger zu OpenAI, um dort an persönlichen KI-Agenten zu arbeiten. OpenClaw wurde nicht verkauft. Das Projekt bleibt offen und soll unabhängig in einer Stiftung weitergeführt werden.
Auch kann man der Regierung nicht vorwerfen, sie habe ein fertiges Milliardenunternehmen einfach abgelehnt. Steinberger erklärte selbst, dass er nicht erneut eine große Firma führen wolle. Er suchte Zugang zu modernsten Modellen, Spitzenforschung und gewaltiger Rechenleistung.

Gerade das entlastet die österreichische Politik aber nicht. Es beschreibt ihr eigentliches Versagen.
Ein Entwickler von Weltformat entsteht in Oberösterreich, baut in Wien erfolgreiche Technologieunternehmen auf und schafft später ein international beachtetes KI-Projekt. Für den nächsten großen Schritt findet er die besseren Bedingungen dennoch bei einem amerikanischen Konzern.

Österreich verfügt über Förderprogramme, Agenturen und Strategiepapiere. Was fehlt, ist ein Ökosystem, das seine besten Entwickler im Land hält und ihnen Wachstum im internationalen Maßstab ermöglicht.
Prölls Initiative kommt deshalb Jahre zu spät. Die Ansiedlung Anthropics könnte nützlich sein. Sie darf aber nicht als digitale Souveränität verkauft werden.

Österreich braucht nicht bloß die Filiale eines amerikanischen KI-Konzerns. Es braucht Bedingungen, unter denen der nächste Peter Steinberger seine Technologie hier entwickeln, finanzieren und groß machen kann.
Sonst importiert die Regierung ausländische Konzernbüros – und exportiert weiterhin die eigenen Köpfe.

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