86 Prozent der österreichischen Unternehmen fühlen sich durch Bürokratie mittel bis sehr stark belastet. Besonders kleine und mittlere Betriebe berichten von immer mehr Zeitaufwand für Meldungen, Dokumentationen und Genehmigungen. Während die Regierung regelmäßig Entlastung verspricht, bleibt eine klare Bilanz gestrichener Pflichten aus.
Bürokratie frisst Arbeitszeit
Laut einer im Auftrag der Wirtschaftskammer durchgeführten Befragung berichten 59 Prozent der Unternehmen von einem stark gestiegenen bürokratischen Zeitaufwand innerhalb der vergangenen drei Jahre. Bei kleinen und mittleren Betrieben liegt der Anteil sogar bei 72 Prozent.
Je nach Branche und Unternehmensgröße reichen die Belastungen von Steuer- und Arbeitsrechtsmeldungen über Datenschutz und Genehmigungsverfahren bis zu indirekten Anforderungen aus Lieferketten- und Nachhaltigkeitsregeln.
Nicht jede Vorschrift betrifft jeden Betrieb. Doch gerade kleine Unternehmen können den Aufwand schlechter abfedern als große Konzerne. Eine zusätzliche Berichtspflicht bedeutet dort nicht bloß eine weitere Aufgabe für eine eigene Compliance-Abteilung. Häufig sitzt der Unternehmer selbst am Abend über Formularen, anstatt Kunden zu betreuen, Mitarbeiter auszubilden oder Investitionen zu planen.
Eine von der Wirtschaftskammer präsentierte Hochrechnung beziffert den bürokratischen Aufwand auf rund 320 Millionen Arbeitsstunden und 21,1 Milliarden Euro jährlich. Die WKO ist als Interessenvertretung keine neutrale Quelle. Die Größenordnung zeigt dennoch, wie massiv Unternehmen die Belastung wahrnehmen.
Österreich verliert wirtschaftlichen Spielraum
Auch die OECD sieht strukturelle Probleme. Sie kritisiert vergleichsweise hohe Markteintrittshürden, komplexe Genehmigungsverfahren und strengere Produktmarktregeln als in vielen anderen Industriestaaten.
Das betrifft nicht nur bestehende Betriebe. Wer ein Unternehmen gründen, eine Produktionsanlage erweitern oder eine neue Technologie einsetzen will, braucht häufig zahlreiche Genehmigungen und muss unterschiedliche Behörden einbinden.
Österreich hat bei der Verwaltungsdigitalisierung Fortschritte erzielt. Elektronische Behördenwege und das sogenannte Once-only-Prinzip sollen verhindern, dass Unternehmen dieselben Daten mehrfach melden müssen.
Diese Verbesserungen ändern jedoch nichts daran, dass viele Betriebe von einem weiter steigenden Gesamtaufwand berichten. Die Digitalisierung eines komplizierten Verfahrens macht es schneller – aber nicht automatisch einfacher.
Ankündigungen reichen nicht
Bundesregierungen versprechen seit Jahren Bürokratieabbau. Trotzdem fehlt eine transparente Bilanz darüber, welche Pflichten tatsächlich gestrichen, welche Verfahren verkürzt und welche Kosten dauerhaft reduziert wurden.
Stattdessen kommen zu bestehenden Regelungen regelmäßig neue Vorgaben hinzu. Manche stammen aus Österreich, andere aus Brüssel. Die Verantwortung lässt sich deshalb nicht bequem auf eine einzige Ebene abschieben.
Die Bundesregierung könnte auf nationaler Ebene Genehmigungen vereinfachen, Doppelmeldungen beseitigen und jede neue Belastung an den Abbau einer bestehenden Pflicht knüpfen. Entscheidend wäre nicht die Zahl angekündigter Entlastungspakete, sondern deren messbare Wirkung im Betrieb.
Denn Bürokratie ist nicht kostenlos. Sie bindet Arbeitskräfte, verzögert Investitionen und trifft kleine Unternehmen besonders hart.
Wer den Wirtschaftsstandort stärken will, muss den Betrieben nicht nur Förderungen versprechen. Er muss ihnen vor allem eines zurückgeben: Zeit.
